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König von Deutschland
König von Deutschland
© Zorro Film

Kritik: König von Deutschland (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ohne, dass es Regisseur und Drehbuchautor David Dietl selbst geahnt haben kann, bekommt sein Debütfilm "König von Deutschland" vor dem Hintergrund der Enthüllungen rund um die Datenüberwachung durch den amerikanischen Geheimdienst NSA eine aktuelle Brisanz. Was im globalen Internetzeitalter anscheinend im großen Stil ablaufen könnte, buchstabiert die von Helmut Dietls Sohn inszenierte Tragikomödie im Kleinen aus. Im Gegensatz zum flächendeckenden Abgreifen von Informationen steht hier die aufwendige Kontrolle einer nichts ahnenden Einzelperson im Mittelpunkt, die einfach nur das Pech hat, der durchschnittlichste Mensch der Republik zu sein. Dass "König von Deutschland" angesichts der von Edward Snowden offen gelegten Erkenntnisse schon fast ein wenig anachronistisch anmutet, darf man dem jungen Regisseur freilich nicht vorwerfen. Die Grundidee seiner Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin bietet auch so ausreichend Potenzial für beißende Kritik und tragisch-komische Verwicklungen.

Mag es im ersten Moment ein wenig ungewöhnlich erscheinen, ausgerechnet den vielseitig talentierten Olli Dittrich in der Rolle des absoluten Durchschnittsdeutschen zu besetzen, so ist diese Entscheidung bei genauerem Hinsehen nur konsequent. Glaubwürdig und feinfühlig verkörpert der wandlungsfähige Darsteller den mittelmäßigen Thomas Müller, der unverhofft zum "Heiligen Gral" der Marktforschung avanciert. Er ist eine komische wie bemitleidenswerte Figur, gefangen in einer perfiden Inszenierung, deren einzelne Schritte – der Besuch einer vermeintlichen Zensus-Beauftragten zu Beginn, der unerwartete Job-Verlust, das plötzliche Auftauchen Stefan Schmidts, die neue Arbeitsstelle – Mosaiksteinchen eines übergeordneten Plans sind, um Müllers Durchschnittswesen erfolgreich analysieren zu können.

Wie David Dietl selbst betont, hat er sich dabei auch von Peter Weirs Mediensatire "Die Truman Show" (1998) inspirieren lassen, deren Protagonist Truman Burbank sich in einer ähnlichen Überwachungssituation befindet. Anders als Truman, der seinen Status und die künstliche Welt um ihn herum nach einem unvorhergesehenen Ereignis recht schnell zu hinterfragen beginnt, braucht Thomas Müller allerdings sehr lange, bis er seine missliche Lage erkennt und endlich aufbegehrt. So plätschert die Handlung nach einem vielversprechenden Auftakt zunächst eine ganze Weile vor sich hin, ohne dass die Hauptfigur auf die durchaus erkennbaren Friktionen in ihrem neuen Leben reagiert. Auch wenn sich Müller wundert, warum er in Schmidts Firma nichts anderes zu tun hat, als Produkte auszuwählen und Gespräche über ganz unterschiedliche Themen mit seinem Chef zu führen, zieht er keine Konsequenzen aus seinen Beobachtungen. Selbst als seine Ideen plötzlich in der Werbung erscheinen und die opportunistische SÖLK-Partei ihre Haltungen an seinen Ansichten ausrichtet, bleibt er seinem zurückhaltenden Auftreten vorerst treu. Dietl will durch das Hinauszögern der Erkenntnis die absurde Lage seines Protagonisten betonen, der sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht wie ein Durchschnittsbürger fühlt, sondern als umworbener und damit bedeutsamer Mensch wahrnimmt. Die Passivität lässt die Figur allerdings sehr statisch erscheinen.

Bezeichnenderweise ist es der unangepasste Alexander, der seinen Vater auf die umfassende Manipulation aufmerksam macht. Tempo kann der Film bis zu diesem Zeitpunkt nur selten aufnehmen, was auch zu Lasten seiner komischen Momente geht. Einzelne Gags sind zwar gelungen, werden jedoch allzu oft von überdeutlichen Kalauern in den Hintergrund gedrängt. Überzeichnung ist sicherlich ein sinnvolles Stilmittel, derart ausgewalzt wirkt sie aber nur noch ermüdend und aufgesetzt: Der Protagonist hat schließlich nicht nur einen vollkommen durchschnittlichen Namen, er wohnt zudem in der Kleinstadt Normsen und fährt ein Auto mit dem Kennzeichen NO-RM-0815. Wirklich spannend wird es erst, als Thomas Müller zum Gegenschlag ausholt, dabei aber nicht etwa brachial vorgeht, sondern die Bemühungen der Marktforscher gezielt ins Leere laufen lässt. Die stärksten Szenen folgen nach dem Umkippen des vorher eher heiteren Erzähltons ins Abgründige. Weder Sabine noch Firmenbesitzer Schmidt wollen akzeptieren, dass sich Thomas nun selbst zu verwirklichen versucht, und verbünden sich daher auf erschreckend perfide Weise.

Um den Film halbwegs massentauglich zu halten, lässt Dietl diese beklemmende und klaustrophobische Passage in ein befriedigendes Ende münden, in dem die Hauptfigur das Leben führen darf, das sie sich womöglich schon immer erträumt hat. Der Durchschnittsmensch hat sich zum Individualisten gewandelt, und der Durchschnittszuschauer kann zufrieden nach Hause gehen. Die zweifellos vorhandenen soziakritischen Untertöne werden auf diese Weise entschärft, was schade ist, da der Stoff eigentlich nach mehr Kompromisslosigkeit verlangt hätte.

Fazit: Trotz eines überzeugenden Hauptdarstellers und einer interessanten Grundidee entfaltet David Dietls Debütfilm einen nur stellenweise abgründig-komischen Sog. Leider erschwert das recht affirmative Ende ein dauerhaftes Nachhallen der Geschichte.




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