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Kritik: Intrige (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Angesichts eines weltweit wachsenden Antisemitismus kommt dieser Film genau zur richtigen Zeit. Roman Polanski, 1933 in Paris geboren, bekam den Hass auf Juden bereits als Kind zu spüren – erst in Frankreich, später im Krakauer Ghetto. Nach "Der Pianist" (2002) widmet er sich ein weiteres Mal dem Thema, blickt dieses Mal aber weiter zurück. "Intrige" zeigt, dass Antisemitismus eine Gefahr ist, die keine historische und geografische Beschränkung kennt.

Polanski ist nicht der erste Filmemacher, der sich des Stoffs annimmt. Die Dreyfusaffäre hat schon mehrfach den Weg ins Kino gefunden, erstmals unter der Regie von Georges Méliès, brandaktuell 1899. Als Vorlage diente Polanski Robert Harris' gleichnamiger Roman, der 2013 unter dem Originaltitel "An Officer and a Spy" erschienen ist. Nach "Der Ghostwriter" (2010) und dem gescheiterten Versuch, Harris' Roman "Pompeji" (2003) zu verfilmen, ist "Intrige" die dritte Zusammenarbeit der beiden. Erneut haben sie das Drehbuch gemeinsam verfasst. Die Bezüge zur Gegenwart sind unverkennbar.

Wenn der von Jean Dujardin gespielte Major Picquart – selbst kein Freund des auserwählten Volks, wie es sein Vorgesetzter sinngemäß formuliert – entgegen persönlicher Abneigungen im Sinne der Gerechtigkeit agiert, dann verweist das auf Whistleblower unserer Gegenwart. Das mutige Vorgehen des Schriftstellers Émile Zola verdeutlicht die Bedeutung einer freien Presse. Und Aussagen wie die des Vorgesetzten machen klar, wie tief Antisemitismus historisch verwurzelt und institutionalisiert ist. Ende des 19. Jahrhunderts sind der Militär- und Staatsapparat davon durchdrungen. Wer es zu etwas bringen will, stellt die Ideologie besser nicht infrage.

Polanski und Harris erzählen dieses infame Vorgehen der Mächtigen sehr ausführlich. Sie kürzen kaum ab. In zwei Stunden und zehn Minuten zeigen sie nicht nur die Überwachungstechniken der industrialisierten Moderne präzise und detailliert, sie schildern auch den langwierigen und kräftezehrenden Weg zur Rehabilitierung des von Louis Garrel verkörperten Afred Dreyfus. Allein die Anzahl der Gerichtsverfahren, in denen die Obrigkeit trotz erdrückender Gegenbeweise ein ums andere Mal an ihrem Urteil festhält, um ihr Gesicht zu wahren und ihre Macht zu erhalten, ist erschreckend – und zeigt wiederum Parallelen zur Gegenwart, etwa zum Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump auf.

Angesichts der schieren Ausmaße dieses Geschichtskrimis ist das Budget von geschätzten 25 Millionen Euro gering. Das sieht man dem Ergebnis mitunter an. Nicht jede Kulisse, nicht jeder Effekt überzeugt. Schauspieler, Inszenierung und eine auf Rückblenden setzende Dramaturgie hingegen schon. Dass Polanski seinen Film unspektakulär als klassischen Historienfilm in Szene setzt, ist dem Stoff angemessen.

Diskussionen löste denn auch nicht die Umsetzung, sondern der Mann dahinter aus. Polanski sieht sich bis heute alten und neuen Vergewaltigungsvorwürfen und einer Strafverfolgung in den USA ausgesetzt. Während die Filmgemeinde in der Vergangenheit Partei für den Regisseur ergriffen hatte, hat sich die Stimmung im Zuge der #MeToo-Debatte gedreht. Dementsprechend kritisch wurde beäugt, dass "Intrige" 2019 in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig eingeladen wurde und dort zudem den Großen Preis der Jury erhielt. Ungeachtet der Frage, ob Polanski überhaupt noch Filme machen sollte, ist sein jüngster ein ungemein wichtiger und dringlicher Beitrag zum gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Klima.

Fazit: Ungeachtet der Kontroverse um Roman Polanski ist "Intrige" ein wichtiger und dringlicher Film. An seine alte Klasse reicht der Regisseur zwar schon länger nicht mehr heran, beweist mit seinem jüngsten Historiendrama aber, was ihn einst zum einem Meister seines Fachs machte: ein drängendes Thema, kraftvolles Schauspiel und eine überzeugende Inszenierung.




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