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Before Midnight - Hauptplakat
Before Midnight - Hauptplakat
© Prokino

Kritik: Before Midnight (2013)


Neun Jahre sind vergangen, seitdem wir Jesse und Céline zuletzt gesehen haben. Aus den ehemals durch romantische Zufälle verbundenen Liebenden ist inzwischen ein Paar im mittleren Alter, mit Kindern, Verpflichtungen und Routinen geworden. Und beide fragen sich, wie es weitergeht: Jesse vermisst seinen Sohn, der bei seiner Mutter in Chicago wohnt, während Céline sich überlegt, für die französische Regierung zu arbeiten. Am Ende ihres Sommerurlaubs auf der Halbinsel Peloponnes knüpfen sie wieder an den besonderen Anfang ihrer Beziehung – eine magische Nacht in Wien – ("Before Sunrise") an: Wieder schlendern sie beiläufig philosophierend durch eine stimmungsvoll beleuchtete europäische Postkartenlandschaft und wieder handeln sie dabei mit Witz und Herz mal eben die Liebe und das Leben ab.
Die Kernszene bildet diesmal allerdings ein brutales Kammerspiel in einem Hotelzimmer, in welchen sie einen schonungslos offenen Wortkrieg austragen. Außerdem überziehen Themen wie Elternschaft, Alter, Tod und Untreue ihre einst so perfekte Romanze mit einer melancholischen Patina. Beide sind zwar älter, aber noch nicht so ganz erwachsen geworden – Céline zeigt sich gelegentlich ziemlich trotzig, Jesse nach wie vor jungenhaft-naiv.
Ihre Dialoge schrieben die Schauspieler zusammen mit dem Regisseur und brachten damit offenkundig auch eigene Erfahrungen mit Kindern und dem Aufrechterhalten von Beziehungen ein. Und auch Céline und Jesse selbst reflektieren ihre Vergangenheit: So fragen sie sich, wann sie das letzte mal die Gelegenheit hatten, allein spazieren zu gehen und munter drauflos zu philosophieren. Außerdem würde sie gerne wissen, ob der Jesse von damals die Céline von heute immer noch im Zug ansprechen würde... Die Gespräche in "Before Midnight" fühlen sich an, wie in den beiden ersten Teilen – authentisch, aber deutlich geistreicher, charmanter, tiefsinniger und vor allem schneller als völlig lebensechte Plauderei. Damit kann auch gleich allen von dem Film abgeraten werden, die ihre Love Story mit Action und ausgeklügeltem Plot serviert bekommen möchten: Hier tauscht man vor allem scharfsinnige Betrachtungen aus. Was die Geschichte jedoch nicht weniger berührend macht.
Obwohl der Film oberflächlich wie die Vorgänger funktioniert, scheint sich das Charakteristische der Beziehung von Jesse und Céline – der spannende Moment des Verliebens, der ungewisse Ausgang – ins Gegenteil verkehrt zu haben. Heute ersetzt Liebe die Verliebtheit, Gewohnheit die Dringlichkeit. Stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Nach Wunsch von Céline und Jesse bis mindestens 98. Und wie Richard Linklater auf der Berlinale verriet, besteht durchaus noch die Chance, dass man sich nach sechs Jahren zu einem weiteren Sequel trifft…
Fazit: "Before Midnight" ist tiefer, intensiver und gewissermaßen weiser als die Vorgänger. Was nicht nur an den gealterten Charakteren und den diskutierten Themen – und vielleicht sogar ein wenig an der griechischen Kulisse – liegt, sondern auch daran, dass diesmal außer Jesse und Céline ein paar weitere Menschen, ältere und jüngere, schlaue Bonmots zur Liebe und wie man damit am besten umgeht abgeben dürfen. Der berührende (vorläufige) Abschluss einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte.





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