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Das Berlinale-Plakat 2013
Das Berlinale-Plakat 2013
© berlinale.de

Halbzeit ohne Höhepunkte:

Berlinale, Tag 6

Die 63. Berlinale wartet bis jetzt noch nicht mit einem echten Renner auf

Die erste Hälfte ist rum, Höhepunkte sind bisher kaum auszumachen - die 63. Berlinale wartet bis jetzt noch nicht mit einem echten Renner auf. Dennoch ist der Besucherandrang ungebrochen: Zur Halbzeit wurden 250.000 Tickets verkauft. Außerdem zogen die zahlreichen Stars – darunter Hugh Jackman, Matt Damon, Julie Delpy, Isabella Rossellini, James Franco und Joseph Gordon-Levitt – trotz ungemütlichem Wetter jede Menge Fans an.

Einer der soweit unter Journalisten beliebtesten Filme ist Richard Linklaters Before Midnight, die zweite Fortsetzung von Before Sunrise - Zwischenstopp in Wien: Neun Jahre sind vergangen, seitdem wir Jesse und Céline zuletzt gesehen haben. Aus den ehemals durch romantische Zufälle verbundenen Liebenden ist inzwischen ein Paar im mittleren Alter geworden. Was der Frische des langgezogenen Augenblicks der ersten beiden Filme trotzdem nichts nimmt: Wir erhalten wieder das beiläufige Schlendern durch einen magischen europäischen Ort, versetzt mit tieferen Gedanken. Nur noch intensiver, sowie erstmals brutaler - was einige abschrecken dürfte, denn die Romanze ist inzwischen realistisch und ehrlich. Der berührende Abschluss einer fast zwanzig Jahre dauernden Liebe... Hoffentlich nicht! Laut dem Regisseur besteht durchaus noch die Chance, dass man sich nach sechs Jahren zu einem weiteren Sequel trifft.

Als Star-besetzter Tiefpunkt erwies sich Lang lebe Charlie Countryman, ein selbstverliebter, stylischer Thriller, in welchem Shia LaBeouf in Bukarest von Moby untermalt einer rumänischen Gangsterbraut (Evan Rachel Wood) hinterherschmachtet. Der heutige Tag brachte Steven Soderberghs mit Spannung erwarteten letzten Film vor dem Ruhestand, Side Effects. Sein Abschlusswerk ist ein klassischer Thriller, der mit abrupten Wendungen an Hitchcocks Werk erinnert – den Soderbergh in der Pressekonferenz auch als Inspiration erwähnte. Vor allem dessen Umgang mit dem Thema Schuld sei für ihn wegweisend gewesen: "Mich hat interessiert, wie sich Schuld von einer Figur auf die andere überträgt." Der Film dreht sich um die depressive und suizidgefährdete Emily Taylor (Rooney Mara), welche nach der Einnahme eines neuen Medikaments im Schlaf ihren Mann Martin (Channing Tatum) ermordet. Jude Law spielt ihren Psychiater Dr. Jonathan Banks (Jude Law), der daraufhin unter Beschuss gerät. Trotz allerlei Ungereimtheiten im Plot überzeugt der Film als beklemmender Thriller. Bemerkenswert ist außerdem Jude Law, der seine beste Performance seit 1 Mord für 2 liefert.

Der Dokumentarfilm Gut Renovation zeigt die Gentrifizierung des ehemaligen Brooklyner Arbeiterviertels Williamsburg. Die Regisseurin Su Friedrich, welche Ende der 80er selbst mit Freundinnen eine alte Industrieetage mietete und renovierte, verfolgte fünf Jahre lang den Abriss der Industriebauten und die Errichtung schicker Eigentumswohnungen. Leider bleibt der Film anekdotisch und lässt analytische Tiefe vermissen.

Bruno Dumonts Wettbewerbsbeitrag Camille Claudel 1915 behandelt den Aufenthalt ebenjener bekannten französischen Bildhauerin und Malerin in einer psychiatrischen Anstalt. Wer gehofft hat, einen Film über Claudel präsentiert zu bekommen wurde enttäuscht. Die Handlung beschränkt sich einzig auf eine Woche in den Mauern der Anstalt. Ihr Leben und Wirken ist gänzlich ausgeklammert. In sehr langen Sequenzen konzentriert sich der Film auf die Verzweiflung und Paranoia Camilles. Die Länge der Szenen wird allerdings auch nur durch die brillante schauspielerische Leistung Juliette Binoches erträglich. Ansonsten wurde die Geduld der Zuschauer extrem auf die Probe gestellt, wenn beispielsweise ein Auto fast eine Minute einen Berg hochfahrend gezeigt wird. Das macht den Film sehr langatmig. Sehr realistisch ist dann allerdings, dass fast alle Patienten durch wirkliche Personen mit psychischer Erkrankung gespielt werden. Ob es einer Camille Claudel bedurft hätte, um einen Film mit dieser Thematik zu drehen bleibt fragwürdig. Somit wurde dieser Streifen im Anschluss auch sehr kontrovers vom Publikum diskutiert. Ein Silberner Bär als beste Darstellerin für Juliette Binoches könnte allerdings drin sein.

In den nächsten Tagen werden unter anderem Bille Augusts Nachtzug nach Lissabon und David Gordon Greens Prince Avalanche zu sehen sein. Außerdem feiert Dark Blood auf der Berlinale seine Premiere, ein Film, den der Regisseur George Sluizer tatsächlich überwiegend im Jahr 1993 drehte - bis sein Hauptdarsteller River Phoenix verstarb und das gedrehte Material an eine Versicherung ging.


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