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Der Medicus - Plakat
Der Medicus - Plakat
© Universal Pictures Germany

Kritik: Der Medicus (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Obwohl Noah Gordons vor allem in Europa überaus erfolgreicher Mittelalterroman "Der Medicus" von einer atemberaubenden Abenteuergeschichte, Liebesbeziehungen, Verrat bis hin zu exotischen Schauplätzen alles auffährt, was ein großer Historienfilm benötigt, mussten die Leser fast drei Jahrzehnte auf eine Leinwandadaption warten. Seit der Erstveröffentlichung 1986 hatte es zwar mehrere Versuche gegeben, den umfangreichen Stoff für das Kino nutzbar zu machen, doch kein einziger Ansatz konnte nachhaltig überzeugen. 2008 fielen die Verfilmungsrechte schließlich wieder an den Schriftsteller zurück, was die deutsche Produktionsfirma UFA Cinema für sich zu nutzen wusste. Nach einigen Jahren intensiver Drehbuchentwicklung findet "Der Medicus" nun den Weg auf die Leinwand – als international besetzte Großproduktion, die, im Gegensatz zu ähnlichen Projekten, ohne europäische Partner finanziert wurde.

Auch wenn die literarische Vorlage ein äußerst fiktives Bild des Mittelalters entwirft, fließen darin doch einige äußerst spannende Aspekte und Entwicklungslinien zusammen, die heutzutage leider allzu oft verdrängt werden. Während zur damaligen Zeit in Europa alte Traditionen und Erkenntnisse zunehmend in Vergessenheit gerieten, trieb in islamischen Kreisen die Beschäftigung mit dem Wissen und den Anschauungen der Antike große Blüten. Ein Umstand, der in der Person des real existierenden Gelehrten und Mediziners Ibn Sina überdeutlich zum Ausdruck kommt. Der von Noah Gordon konzipierte Held Rob Cole fungiert vor diesem Hintergrund als Bindeglied zwischen den Kulturen und als Wegbereiter eines neuen Zeitalters im Abendland, der allerdings erst schrittweise in seine verantwortungsvolle Rolle findet.

Recht griffig zeichnet die Verfilmung den Antrieb des Protagonisten nach, wenn er gleich in den ersten Minuten seine unheimliche Gabe entdeckt und überdies den Tod seiner geliebten Mutter verkraften muss. Der Junge ist erfüllt von Schuldgefühlen, da er ihr nicht helfen kann, und entwickelt, hier sicherlich noch unbewusst, ein Bedürfnis, in Zukunft andere Menschen zu heilen. Aus diesem Grund schließt er sich dem grantigen Bader an, der, anders als das gemeine Volk, wenigstens über rudimentäre medizinische Kenntnisse verfügt. Dass Rob jedoch den dunklen Zeiten, in die er geboren wurde, weit voraus ist, lässt sich schon bald erahnen. Ihm reicht es nicht, durchs Land zu ziehen und die Menschen auf den Marktplätzen mit Taschenspielertricks und einfachen Behandlungsmethoden in Staunen zu versetzen. Er will hoch hinaus. Sein Wissen erweitern, damit er eines Tages vielleicht sogar die geheimnisvolle Seitenkrankheit – eine Blinddarmentzündung – behandeln kann, die seiner Mutter zum Verhängnis wurde.

Mit der Entscheidung, nach Isfahan, ins ferne Persien aufzubrechen, beginnt schließlich das eigentliche Abenteuer, das Rob als Jude getarnt antritt, da im Orient Christen nicht mehr erwünscht sind. Der junge Mann taucht ein in eine fremde Welt, in der Wissensdrang und tiefe Religiosität nebeneinanderstehen, ohne Streit und Missgunst hervorzurufen. Bislang zumindest. Immer wieder nimmt sich der Film erzählerische Freiheiten, um das umfangreiche Romanmaterial für das Kinoformat zu bändigen. Ein unumgängliches Unterfangen, das mitunter aber nicht vollends überzeugend gelingen will. So erscheint etwa die Aufnahme des Protagonisten in den Kreis der Schüler Ibn Sinas recht aufgesetzt, da der Held relativ wenige Anstrengungen aufbringen muss. Etwas stiefmütterlich behandeln Drehbuchautor Jan Berger und Regisseur Philipp Stölzl auch die verbotene Liebe zwischen Rob und der Jüdin Rebecca (Emma Rigby), die nach Isfahan reist, um einen Bewohner der Stadt zu ehelichen. Nachhaltigen Eindruck kann die junge Frau nicht hinterlassen, da sie oft nur als bloßes Opfer der Umstände dargestellt wird.

Trotz einiger erzählerischer Unebenheiten weiß die Geschichte im Großen und Ganzen recht spannend zu unterhalten: Robs Streben nach Erkenntnis, das, wie es sich für einen epochenübergreifenden Helden gehört, sogar verbotene Züge annimmt, und durchtriebene Ränkespiele führen schließlich zu offenen Auseinandersetzungen, die sich immer weiter zuspitzen. Wissenschaft und Toleranz stehen auf dem Spiel und müssen neu errungen werden.

Ausstattungstechnisch und visuell kann "Der Medicus" ähnlich gelagerten Hollywood-Produktionen durchaus das Wasser reichen. Düstere Mittelalterlandschaften (zumeist in Deutschland gedreht) und opulente Wüstenbilder erzeugen einen Bilderrausch, der den epischen Stoff angemessen wiedergibt. Größtenteils souverän präsentiert sich der international eher unbekannte Hauptdarsteller Tom Payne, der die Hauptfigur mit einer Mischung aus Zweifel und Entschlossenheit versieht. Treffend besetzt ist auch Ben Kingsley, dem die Rolle des weisen Lehrmeisters quasi auf den Leib geschneidert wurde. Stellan Skarsgård verbreitet als linkischer Bader einen eigenwillig-komischen Charme, verabschiedet sich aber leider sehr früh aus der Geschichte.

Fazit: Die Adaption des Bestsellers "Der Medicus" stellt unter Beweis, dass auch abseits der Hollywood-Industrie bildgewaltige Historienfilme möglich sind, die von einer klassischen Heldenreise erzählen. Zu einem herausragenden Genrebeitrag avanciert Philipp Stölzls Mittelalterepos trotz beeindruckender Schauwerte und vorwiegend überzeugender Darsteller aber nicht.




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