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Paradies: Glaube
Paradies: Glaube
© Neue Visionen

Kritik: Paradies: Glaube (2012)


"Paradies: Glaube" ist der zweite Teil von Ulrich Seidls Paradies-Trilogie, in dessen Zentrum die Schwester der Hauptfigur Teresa (Margarethe Tiesel) aus "Paradies: Liebe" steht. Die Frauen vereint eine Sehnsucht nach Liebe. Während Teresa ihre Bedürfnisse in Kenia mit den Lover Boys stillen will, flüchtet sich Anna Maria in die Religion. Allerdings ist auch dies kein spiritueller Weg, sondern sie übt ihren Glauben körperlich aus: Beim Beten rutscht sie auf Knien durch die Wohnung, sie geißelt sich, verbietet sich Sünden, küsst ein Jesus-Bild – und masturbiert schließlich mit einem Holzkreuz. Diese Sequenz ist es vor allem, die Anstoß erregt hat. Doch "Paradies: Glaube" ist kein Film über Katholizismus, sondern in erster Linie über die Sehnsucht einer Frau, die in Jesus ein Gegenüber gefunden hat, das sich mühelos idealisieren lässt.

"Paradies: Glaube" hat deutliche Längen, ist aber gut und authentisch gespielt. Hauptdarstellerin Maria Hofstätter ist beeindruckend, sie hat diese strenge und kalte Frau verinnerlicht. Wenn sie im Park auf eine Gruppensex-Orgie trifft, zeigt sie mit ihrer Mimik und Körpersprache faszinierte Abscheu und große Einsamkeit. Auch der Laiendarsteller Nabil Saleh ist als Ehemann sehr überzeugend, so dass sie als Eheleute im Kleinkrieg sehr authentisch wirken. Allerdings entsteht – im Gegensatz zum ersten Teil – keine Nähe zur Hauptfigur, auch ihr Verhalten lässt sich weitaus schwieriger fassen. Sie übt Religion fast wahnhaft aus, ihre minutiös und wiederholend geschilderten Rituale sind zunehmend irritierend. Dabei lässt sie erst in dem Moment, in dem sie ihren Glauben und insbesondere Nächstenliebe zeigen könnte, erkennen, dass die Religion nicht nur ein Ersatz für fehlende Liebe, sondern vor allem Flucht vor Schwierigkeiten ist. Sie verweigert ihrem Mann nicht nur jegliche körperliche Nähe, sondern verhält sich ihm gegenüber passiv-aggressiv und abweisend. Es ist nicht zu erfahren, was zwischen ihnen vorgefallen ist, daher ist ihre Abneigung schwer zu fassen. Dass Nabil auch noch Moslem ist, wirkt allerdings überkonstruiert – und lenkt von dem eigentlichen Konflikt der Eheleute ab.

Die Szenen, in denen Seidl seine Hauptdarstellerin mit der Außenwelt konfrontiert, sind manchmal komisch und manchmal unerträglich: In Konfrontation mit einem österreichischen Paar in wilder Ehe, einer Betrunkenen (Natalija Baranova, "Import/Export"), dem "Busenfreund" René Rupnik und einer Einwandererfamilie scheint Anna Maria trotz den Anstrengungen, die sie dort unternimmt, zufrieden, ja beinahe glücklich. Doch gerade im Gegensatz zu ihrem Verhalten in ihrem eigenen Haus – in der privaten Welt – wird dadurch nur noch deutlicher, wie groß Anna Marias Einsamkeit ist.

Fazit: "Paradies: Glaube" ist ein Film, der sehr genaues Sehen und viel Geduld vom Zuschauer fordert.




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