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Kritik: Araf - Somewhere in between (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Heldin dieser bittersüßen türkischen Coming-of-Age-Geschichte wartet darauf, erwachsen zu werden, der Liebe zu begegnen und aus ihrem Heimatdorf fortzuziehen. Denn dort sieht die 18-Jährige keine Perspektive für sich. Auch der gleichaltrige Olgun träumt sich aus dem kaputten Elternhaus lieber weg in die Welt einer Quizshow, in der es viel Geld zu gewinnen gibt. Das Drama der Regisseurin und Drehbuchautorin Yeşim Ustaoğlu bleibt meistens auffallend ruhig und wortkarg, aber es entwickelt überraschend und wie beiläufig auch intensive Momente.

Jeden Tag fahren Zehra und Olgun mit dem Bus zur Arbeit. Die Raststätte auf freiem Feld mit ihren Gästen auf der Durchfahrt beflügelt Zehras Sehnsucht nach der Ferne. Mahud könnte sie in seinem Lastwagen mitnehmen. Zum Teil entspricht der Mann tatsächlich ihrem Wunschbild, denn seine körperliche Liebe küsst sie wach. Aber dies ist kein Roadmovie aus Hollywood, obwohl man sich die Geschichte genauso gut an einem Highway in den Weiten des amerikanischen Westens vorstellen könnte. Auf den fremden Erlöser ist hier kein Verlass. Zehra erkennt, dass die Doppelmoral der Gesellschaft auch vor ihr keine Ausnahme macht: Nach dem gemeinsamen Spaß ist die Frau nicht mehr frei wie der Mann, sondern gilt als gefallen, wenn er sich nicht zu ihr bekennt.

Dass so wenig gesprochen wird, spiegelt auch die Unsicherheit der Jugend. Olgun redet nicht mit seinen Eltern, Zehra ist zu schüchtern, um das Wort an Mahud zu richten. Beide jungen Leute sind es offenbar gewöhnt, zu älteren Menschen aufzuschauen und von ihnen zu lernen, als wüssten sie selbst nicht, was richtig ist. Jung sein bedeutet auch, nicht dazuzugehören. Dieses Motiv zieht sich durch den ganzen Film. Es gibt sehr intensive Szenen, zum Beispiel auf einer Hochzeit, auf der fröhlich getanzt wird. Oder die fast schon brutal schonungslose Sequenz, in der Zehra heimlich eine Fehlgeburt erleidet. Oft aber sind die Aufnahmen sehr ereignisarm und suchen die sinnliche Nähe zum unscheinbaren Alltag der Charaktere. Aus dem Fenster eines fahrenden Lastwagens schaut die Kamera lange auf die Straße, zwischen schmelzenden Schneeflocken hindurch, oder während sich das Tageslicht im Laufe der Stunden verändert. Dann wieder ruht sie ausgiebig auf den Gesichtern, die beinahe reglos wirken, unschlüssig oder in Gedanken, die sie für sich behalten. Obwohl es hauptsächlich um Zehra geht, wird manchmal auch aus der Perspektive von Olgun und Mahud erzählt. Auch deswegen gelingt es diesem verhaltenen Drama nicht optimal, die Spannung zu verdichten.

Fazit: Das türkische Coming-of-Age-Drama einer jungen Frau zwischen zwei Männern verbindet kritischen Realismus mit wortkarger Sinnlichkeit. Trotz intensiver Momente wirkt die Geschichte aber eher verhalten und unschlüssig.




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