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Kritik: The Cut (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Mit "The Cut" schließt der Deutschtürke Fatih Akin nach über zehn Jahren seine mit "Gegen die Wand" (2004) begonnene und mit "Auf der anderen Seite" (2007) fortgesetzte "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie ab. "The Cut" ist Akins bisher mit Abstand aufwendigstes Werk, ein historisches Epos von 138 Minuten Laufzeit und eine großangelegte internationale Koproduktion, deren Handlung mehrere Länder auf zwei Kontinenten umspannt. Der Filmemacher konnte keinen Geringeren als den gebürtigen Armenier Mardik Martin als Ko-Autor gewinnen. Der Amerikaner war früher an den Skripts zu den Scorsese-Filmen "Wie ein wilder Stier", "Hexenkessel" und "New York, New York" beteiligt. Doch damit nicht genug konnte der Hamburger Ausnahmeregisseur sogar sein großes Vorbild Scorsese höchstpersönlich dazu bewegen sich den Rohschnitt seines Films anzusehen und zu kommentieren. Zu guter Letzt gelang es Akin für die Hauptrolle Tahar Rahim zu verpflichten, der mit seiner ungemein intensiven Performance in "Ein Prophet" (2009) begeistern konnte. Doch aller Kraftaufwand kann nicht verhindern, dass der Gesamteindruck des überlangen Films bestenfalls reichlich durchwachsen ist.

Bereits die ersten Szenen lassen den Betrachter stutzig werden. Das Dorfleben ist so betont idyllisch eingefangen, wie man es ansonsten nur aus alten Hollywood-Schmonzetten kennt. Papa Nazaret holt seine beiden Töchter von der Schule ab. Auf Rückfrage verkündet die Lehrerin lächelnd, dass die beiden in Erdkunde nicht so gut seien. Gleich fragt der Papa seine beiden Engel ebenfalls lieb lächelnd nach ein paar Hauptstädten. Die Hauptstadt der USA? Keine Ahnung! - Der aufmerksame Zuschauer merkt in der Rückschau, dass an dieser frühen Stelle bereits ein eleganter Bogen zum Ende des Films gespannt wird. - Das Problem ist nur, dass dies alles viel zu offensichtlich gewollt ist, um wirklich funktionieren zu können. Fatih Akin will beim Zuschauer unbedingt die ganz großen Gefühle wecken und geht dabei oft derart pathetisch und kitschig vor, dass genau dies nicht gelingt. Trotzdem kann man öfter nicht anders, als vom elendigen Leid der Armenier ergriffen zu sein. Sicherlich ist es auch sehr verdienstvoll, dass Fatih Akin das in der Heimat seiner Eltern bis heute gern tot geschwiegene Thema des Genozids an schätzungsweise einer Million Armenier als einer der ersten Filmemacher thematisiert.

Schön schaurig ist es, wenn Nazaret seine völlig ausgezehrte Schwägerin nach mehrfachen Bitten der vom Tode Gezeichneten erlöst, indem er sie mit Tränen in den Augen erwürgt. Nur weiß man in diesem Augenblick gar nicht, ob man schockiert ist, weil diese Szene das unglaubliche Leid der Armenier so sehr auf den Punkt bringt oder weil man erschrickt, wie skrupellos Akin vorgeht, um das Publikum in den Bann zu schlagen. Aber selbst, wenn man sich irgendwann ergibt und einfach nur noch mit dem immer gleich dreinschauenden Nazaret mitleidet, macht es Akin dem Zuschauer erneut unheimlich schwer durch die Wandlung von "The Cut" in einen Kontinente umspannenden melodramatischen Abenteuerfilm. So ist hier nicht nur alles überdeutlich und schablonenhaft, auch passen die verschiedenen Tonalitäten des Films so wenig zusammen, das sich kein größeres Ganzes ergeben will. Zu allem Übel mündet die Handlung in ein Ende, das einem aufgrund seines Kitsches die Sprache verschlägt.

Fazit: Kaum einer versteht sich so sehr auf authentische Milieuschilderungen wie Fatih Akin. Doch mit seinem überambitionierten historischen Melodram "The Cut" begibt er sich von Beginn an auf sehr dünnes Eis und bricht am Ende grandios ein.





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