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Die Wolken von Sils Maria
Die Wolken von Sils Maria
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Kritik: Die Wolken von Sils Maria (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Die Wolken von Sils Maria" ist der jüngste Film des französischen Regisseurs Olivier Assayas ("Carlos - Der Schakal"), der das Filmemachen von den verschiedensten Seiten her bespiegelt. Eine solche Vorgehensweise ist Assayas gewissenmaßen bereits in die Wiege gelegt. Er ist der Sohn des Filmemachers Jacques Demy ("Die Regenschirme von Cherbourg", 1964), der ein Zeitgenosse der Regisseure der Nouvelle Vague war. Und so, wie die Regisseure, welche später das Kino in Form der Nouvelle Vague revolutionieren sollten, begann auch Assayas Beziehung zum Kino als Kritiker der berühmten Cahiers du cinéma. Diese sehr bewusste Auseinandersetzung mit dem Medium Film zeigt sich in "Die Wolken von Sils Maria" zum einen in der Grundthematik des Films - auch wenn es um ein Bühnenstück geht - und zum anderen in den vielfältigen Spiegelungen der Figuren.

Die als eher klassische Darstellerin bekannte 50-jährige Französin Juliette Binoche ("Drei Farben"-Trilogie) spielt die klassische Schauspielerin Maria Enders, die wie sie selbst, nicht mehr ganz die Jüngste ist. Ihre Angst vorm Älterwerden wird noch dadurch verstärkt, dass sie jetzt in dem Stück, mit dem sie vor 20 Jahren bekannt wurde, nicht mehr die Junge, sondern die Ältere spielen soll. Es ist auch ein Wechsel von der Aktiven zur passiven Rolle. Im realen Leben entspricht dies der Rollenverteilung zwischen Maria Enders und ihrer jungen amerikanischen Assistentin Valentine (Kristen Stewart). Während die langsam alternde Diva mit Dingen wie dem Internet nicht so richtig firm ist, organiert Valentine auf perfekte Weise ihren gesamten Alltag, wobei sie pauslenlos mit zwei Mobiltelefonen zugleich jongliert. Auch hier ist Maria Enders nicht nur die Ältere, sondern auch die Passive. Dieser Konstellation spiegelt sich wiederum darin, dass bei ihren Proben Valentine den Text der jungen Verführerin Sigrid liest. Zugleich hat man den Eindruck, dass auch die Beziehung dieser beiden ungleichen Frauen über ein Arbeitsverhältnis und auch über eine bloße Freundschaft hinausreicht.

In einer Szene sehen sich Valentine und ihre Chefin gemeinsam den aktuellen Film von Jo-Ann Ellis an, die jetzt Sigrid spielen soll. Dabei handelt es sich um ein schreiend poppiges Weltraumspektakel, das optisch aus dem gesamten Film komplet herausfällt. Hier kontrastiert die majestätische Ruhe der Schweizer Bergwelt, in der sich Maria Enders wohl fühlt, mit einer überkünstlichen Ästhetik, die im wahrsten Sinne des Wortes von einem anderen Stern zu sein scheint. Maria Enders findet den Film erwartungsgemäß lächerlich, während ihre Assistentin in der kruden Handlung einen tieferen Sinn zu erkennen meint. Auch hier korrespondiert die Filmografie der Schauspielerinnen, mit ihren Rollen in diesem Film. Die Valentine spielende amerikanische Schauspielerin Kristen Stewart kennt man aus der "Twilight"-Saga; die Jo-Ann Ellis verkörpernde Chloë Grace Moretz aus Genrefilmen wie "Carrie" (2013) und "Let Me In" (2013), die im übrigen - ebenso, wie das Stück im Film - Remakes sind.

Der Name des fiktiven Stücks in "Die Wolken von Sils Maria" lautet "Maloja Snake". Dieser bezieht sich die bei bestimmten klimatischen Bedingungen wie eine lange Schlange durch das Tal von Sils Maria ziehenden Wolken. Dieses erstaunliche Naturphänomen wurde 1924 von Arnold Fanck in dessen Stummfilm "Das Wolken-Phänomen von Maloja" dokumentiert. Diesen Film sieht sich in "Die Wolken von Sils Maria" Maria Enders in Sils Maria an. Das Naturspektakel ist reine Poesie. Reine Poesie ist auch dieser Film.

Fazit: "Die Wolken von Sils Maria" ist ein wunderschöner Schauspielerfilm vor einer ebensolchen Naturkulisse, dessen äußere Schlichtheit leicht über seine innere Komplexität hinwegtäuschen kann.




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