VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Freistatt
Freistatt
© Salzgeber & Co © Die FILMAgentinnen

Kritik: Freistatt (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Wenn du nicht brav bis, kommst du ins Heim!". Diese Drohung, die viele Kinder in den 1950er und 1960er Jahren zu hören bekamen, war nicht aus der Luft gegriffen: Etwa eine halbe Million Heranwachsender wurden im Laufe dieser beiden Jahrzehnte in staatlichen und kirchlichen Erziehungsheimen misshandelt und als Arbeitskräfte ausgebeutet. Die evangelische Anstalt "Freistatt" in Niedersachsen galt bis in die 1970er Jahre als eine der härtesten Einrichtungen. Wer hierher kam, musste quasi als Zwangsarbeiter zum Torfstechen. Der Filmemacher Marc Brummund stützt seine Geschichte unter anderem auf die Berichte eines einstigen Zöglings. Die Diakonie ist längst bemüht, das damalige Unrecht aufzuarbeiten und unterstützte das Filmprojekt, welches am Originalschauplatz gedreht wurde.

Nur weil 1968 die weltweite Jugendrevolte ihren Anfang nahm, vergisst man leicht, wie repressiv das gesellschaftliche Klima damals noch war. Die schwarze Pädagogik wurde in vielen Elternhäusern praktiziert und erst recht in den Heimen für schwer Erziehbare. Der Film ist durchzogen von einer düsteren, schmerzlichen Atmosphäre, einem wilden Wunsch nach Rebellion, in dem der Keim der Hoffnungslosigkeit zu spüren ist. Mit diesem Grundgefühl passt das Drama zu jener Zeit, ähnlich wie der Psychiatriefilm "Girl, Interrupted" mit Winona Ryder und Angelina Jolie aus dem Jahr 1999. Auch die Musik nimmt mit Interpretationen von Liedern wie "Scarborough Fair" oder "House of the Rising Sun" wirkungsvoll Bezug auf die bewegte Epoche. Die Kamera hat einen Blick für die Schönheit der norddeutschen Moorlandschaft, die Vogelzüge am Himmel. In dieser beschaulichen Umgebung nimmt sich der Blick des sehr gut als sensibler Rebell gespielten Hauptcharakters noch verzweifelter aus, denn er steckt in einer von Menschen geschaffenen Hölle. Es wird nicht allzu viel gesprochen, die Missstände summieren sich mit demonstrativer Wucht, ohne dem Zuschauer eine Verschnaufpause zu gönnen.

Die Erwachsenen neigen zum Sadismus oder sind gleichgültig wie der Pfarrer. Hunger, Folter, sexuelle Übergriffe: In diesem Heim kommt alles vor. Der Film zeigt, wie die Jungen seelisch deformiert werden, wie tief der Glaube an das Gute und an sich selbst in ihnen ausgelöscht wird. Wolfgang und Anton können auch nur bedingt Freunde sein, denn sie erleben sich als Ausgestoßene der Gesellschaft, die sich auf kein Recht berufen dürfen und schauen müssen, wo sie bleiben. Die rohe Energie des Films mit ihrer bedrückenden Wirkung nimmt einen regelrecht gefangen. Am Schluss wird man mit verblüffend ähnlich aussehenden Originalfotografien daran erinnert, dass der Film reale Zustände einer gar nicht so weit entfernt liegenden Zeit schildert.

Fazit: Das Drama schaut mit düsterer, bedrückender Konsequenz hinter die Kulissen eines deutschen Erziehungsheims der 1960er Jahre. Die gefühlsgeladene Atmosphäre und das wortkarge, aber intensive Spiel des Hauptdarstellers verankern den aufklärerischen Film nachhaltig im Gedächtnis.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.