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Kritik: Nymphomaniac 2 (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Weitaus düsterer als der erste Teil, verwischt im zweiten Teil die Kapitelstruktur immer mehr und die Verbindungen zwischen erzählter Vergangenheit und Gegenwart treten deutlicher hervor. Dabei werden von Lars von Trier eine Reihe Themen behandelt: Mit ihrer Familie wird Joes Lust nahezu eingeengt, ja, fast niedergerungen. Deshalb entpuppt sich für Joe auch die Liebe nicht als geheime Zutat zum Sex, sondern als Beigabe, die ihr jegliche Erfüllung versagt. Sie empfindet kein Vergnügen mehr, vielmehr treiben sie ihre immer extremeren körperlichen Erfahrungen weiter an den Rand ihrer Existenz und der Gesellschaft. Mal hadert sie mit ihrer Sucht und versucht, gegen sie anzukämpfen. In einer absurden Episode besucht sie eine Selbsthilfegruppe, die jeglichen Gedanken an Sex verbietet. Daraufhin verhängt Joe die Spiegel in ihrer Wohnung, verklebt jede Ecke, jede Spitze, an der sie sich reiben könnte und liegt anschließend nahezu reglos und vermummt in ihrem Bett. Das ist ein deutliches Statement des Regisseurs zu den Methoden und Erfolgsaussichten von Therapien, daher kommt auch Joe zu der Erkenntnis, dass sie sich mit ihrer Sucht arrangieren sollte – indes ist es leichter erkannt als umgesetzt.

Steckte bereits der erste Teil voller Anspielungen und Verweise, die zum Teil von Seligman enthüllt oder erst konstruiert wurden, finden sich auch im zweiten Teil sehr viele Referenzen mit verschiedenen Funktionen. Beispielsweise sorgt eine Anspielung an "Antichrist" für eine noch größere Anspannung in einer Sequenz, während andere Thesen allzu bewusst provozieren wollen: So vergleicht Joe die Reaktion auf Pädophilie implizit mit den Reaktionen auf Lars von Triers Nazi-Äußerung in Cannes. Auch der Diskurs über die Verwendung des N-Wortes ist allzu einfach geführt. Jedoch zeigt dieses Geflecht aus Thesen und Verweisen, aus Stilen und Anspielungen sehr deutlich, dass dieser Film nicht mit einmaligem Sehen erfasst werden kann. Wie jeder Film Lars von Triers‘ ist er zu ambivalent und vielschichtig – allein mit der letzten Szene übertreibt von Trier es. Spätestens hier lässt sich der Gedanke nicht mehr verdrängen, dass von Trier seine Zuschauer zum Narren halten wollte. Aber allein schon dafür lohnt sich eine weitere Sichtung.

Mit dem zweiten Teil wird zudem sehr deutlich, warum "Nymphomaniac" der dritte Teil von Lars von Triers Depression-Trilogie ist: Es geht ihm nicht um eine Auseinandersetzung mit der weiblichen Sexualität, sondern er erzählt mit einer Nymphomanin als Hauptfigur von einem extremen emotionalen Erleben. Joe muss erkennen, dass sie mit ihrer Neigung keinen Platz in der Gesellschaft hat. Seligmans nahezu feministischer Diskurs, dass Joe ihr Verhalten anders beurteilen würde und anders beurteilt worden wäre, wenn sie ein Mann wäre, greift hier zu kurz. Auch ein Mann, der sein Kind verlässt, um sexuelle Befriedigung zu erlangen, würde von der Gesellschaft verurteilt werden. Der Unterschied mag höchstens darin liegen, dass die Frau eines solchen Mannes dieses Verhalten kaschieren oder ausgleichen würde. Daher ergeht es Joe wie vielen Menschen, deren Neigungen und Verhalten außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Normen liegt.

Fazit: Sechs Wochen liegen zwischen dem Kinostart des ersten und zweiten Teils von "Nymphomaniac", dessen Zweiteilung nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass es sich um einen großen, komplexen und dichten Film handelt, der viele Fragen aufwirft und zu Interpretationen sowie Diskussionen einlädt.




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