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Kritik: Diplomatie (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Heute wissen wir, wie die Entscheidung in dieser Nacht ausging. Nicht jedoch wissen wir, was den bis dahin stets linientreuen General erstmals einen Befehl verweigern ließ. Noch viel weniger wissen wir, wie Europa heute aussähe, wenn es tatsächlich zu der Ausführung von Hitlers fataler Anordnung gekommen wäre. Nicht nur die heutige deutsch-französische Freundschaft wäre unter solchen Umständen schwer denkbar. In Wirklichkeit war es allerdings nicht nur ein einziges Gespräch, das von Choltitz die richtige Entscheidung treffen ließ. "Diplomatie" ist keine historisch korrekte, sondern eine fiktive Version dieses entscheidenden geschichtlichen Moments:

Der Film basiert auf einem Theaterstück von Cyril Gely, der den Stoff auch zusammen mit dem Regisseur für die große Leinwand adaptiert hat. Die beiden Hauptdarsteller André Dussollier und Niels Arestrup spielten bereits in dem Bühnenstück Raoul Nordling und von Choltitz. Volker Schlöndorff ist für diese Adaption geradezu prädestiniert. Der in Wiesbaden geborene Filmemacher ging als Kind nach Frankreich, machte in Paris Abitur und begann seine Filmlaufbahn als Assistent französischer Regisseure wie Louis Malle, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais. Aufgrund dieses persönlichen Hintergrundes dürfte die Figur des in Paris lebenden Schweden Raoul Nordling für den Regisseur ein besonderes Identifikationspotential besitzt. Der sehr zurückhaltende, jedoch mit einem scharfen Verstand ausgestattete Diplomat ist die Identifikationsfigur des Films und wird von André Dussollier auf hervorragende Weise gespielt. Weniger sympathisch, aber keineswegs weniger interessant ist die Figur des Generals Dietrich von Choltitz, die Niels Arestrup auf fast beängstigend realistische Weise verkörpert.

Das furiose Zusammenspiel dieser beiden Meistermimen macht den Film zu einem echten Erlebnis. Das klassische Kammerspiel lebt von den in geschliffenen Dialogen dargebotenen Wortgefechten. In diesen Dialogen liegt so viel Spannung, dass die wenigen an Nebenschauplätzen gezeigten Kampfhandlungen auch nebensächlich bleiben. Außer von Choltitz und Nordling ist die Stadt Paris der heimliche dritte Hauptdarsteller. Die Hauptstadt erwacht im Verlauf der Verhandlung um ihre Zerstörung bzw. ihr Fortbestehen vom nächtlichen Dämmerschlaf immer mehr zum Leben und zeigt sich schließlich bei Morgengrauen in ihrer ganzen glanzvollen Pracht. Volker Schlöndorffs Inszenierung ist sehr unaufdringlich. Zugleich weiß der deutsche Regisseur sehr genau, was er tut: Jede Bildkomposition, jeder Kameraschwenk und jeder Schnitt sitzt absolut perfekt. "Diplomatie" ist klassische Filmkunst in höchster Vollendung.

Fazit: Volker Schöndorfs Kammerspiel "Diplomatie" hat kein Gramm Fett zu viel. Zwei herausragende Hauptdarsteller, bestechende Dialoge und die subtile Perfektion der Inszenierung sorgen bis zum Ende für Hochspannung.




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