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Ein Augenblick Liebe
Ein Augenblick Liebe
© Alamode Film

Kritik: Ein Augenblick Liebe (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Liebesfilme gibt es im Kino wie Sand am Meer. Und damit auch unzählige Werke, die von einer außerehelichen Affäre erzählen. Was die französische Filmemacherin Lisa Azuelos ("LOL") aber nicht davon abhalten konnte, zwei Menschen im besten Alter – den verheirateten Anwalt Pierre (François Cluzet) und die alleinerziehende Schriftstellerin Elsa (Sophie Marceau) – in ein Gefühlschaos zu stürzen. Eine handelsübliche Herzschmerz-Romanze mit aufgebauschten Konflikten, könnte man meinen. Doch Azuelos nimmt ihre Figuren bzw. deren Lebensumstände ernst und wirft immer wieder einen Blick auf den Alltag der Protagonisten, der mehr und mehr von ihrer gegenseitigen Anziehung geprägt wird.

Die Regisseurin selbst ist dabei als Pierres Ehefrau Anne zu sehen, die die Veränderung ihres Gatten irgendwann bemerkt, allerdings nicht zu einer hysterisch-eifersüchtigen Furie mutiert. Schon in diesem Punkt weicht "Ein Augenblick Liebe" deutlich von vielen herkömmlichen Genrevertretern ab. Setzt weniger auf überhitzte Spannungen, sondern genaue Beobachtungen. Etwa wie Pierre neben seinem fordernden Job versucht, ein guter Vater zu sein. Oder aber die dreifache Mutter Elsa neckische Diskussionen mit ihrer pubertierenden Tochter führt, die direkt aus dem wahren Leben stammen könnten.

Neben der anfänglichen Zurückhaltung sind es vor allem diese Alltagsszenen, die das Bild zweier reifer, erfahrener Menschen zeichnen, die sich trotz spürbarer Leidenschaft nicht vollständig von ihren Gefühlen mitreißen lassen. Zweifel und Unsicherheiten kommen immer wieder zum Ausdruck. So auch in einigen Montage-Sequenzen, die eine Entwicklung im Kurzdurchlauf zu zeigen scheinen, sich am Ende aber als Tagträume oder warnende Gedankenspiele entpuppen. Realität und Fantasie überlagern sich mehrfach, da Azuelos auf diese Weise das Schwanken der Protagonisten nach außen kehren will.

Auch inszenatorisch präsentiert sich das Liebesdrama ungezwungen und spielerisch, was der eigentlich konventionellen Thematik nur zu Gute kommt. Split-Screen-Einstellungen finden ebenso Eingang in den Bilderfluss wie überraschende Szenenwechsel. Beispielsweise wenn Elsa an einem Abend vor dem Ausgehen in ihren Kleiderschrank schaut, nach einiger Zeit die Bügel beiseiteschiebt, nach vorne tritt und sich plötzlich in einer gut besuchten Bar befindet, in der sie schon bald auf Pierre treffen wird. "Ein Augenblick Liebe" ist reich an derartigen Regieeinfällen und schießt erfreulicherweise nur selten über das Ziel hinaus (etwas übertrieben wirken etwa die hin und wieder eingeflochtenen Romeo-und-Julia-Verweise). Stören könnten sich Logik-Verfechter an den zahlreichen Zufällen, die Elsa und Pierre zusammenführen, sollten dabei aber bedenken, dass sie mit Kenntnis der Auflösung durchaus ihre Berechtigung haben.

Da die nach wie vor ungemein attraktive Sophie Marceau und der charmant-zurückhaltende "Ziemlich beste Freunde"-Star François Cluzet als verkapptes Liebespaar wunderbar harmonieren und die Leinwand ein ums andere Mal zum Knistern bringen, stimmt es fast wehmütig, wenn der Film bereits nach 70 Minuten auf die Zielgerade einbiegt, um kurz darauf seine letzten Geheimnisse preiszugeben. Eigentlich hätte man dem Verführungstango noch ein wenig länger zuschauen können.

Fazit: Sophie Marceau und François Cluzet überzeugen als zögerliches Liebespaar in einem romantischen Drama, das die Konventionen des Genres sprengt, sich dabei einige originelle Spielereien erlaubt und so immer wieder für Überraschungen sorgen kann.




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