VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Den Menschen so fern
Den Menschen so fern
© Arsenal

Kritik: Den Menschen so fern (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das französische Drama "Den Menschen so fern" ist eine freie filmische Adaption von Albert Camus’ Erzählung "Der Gast". Selbst als Franzose in Algerien geboren und mit spanischen Wurzeln mütterlicherseits verarbeitet Camus in der Geschichte offensichtlich auch seine eigene komplexe Identität. Hinzu tritt die Frage, wieweit der Einzelne inmitten der ihn umgebenden Gesellschaft wirklich frei sein kann. Dass selbst die Nichtteilnahme am Gesellschaftsleben zur Verurteilung durch die Gesellschaft führen kann, hatte der Autor bereits in seinem Roman "Der Fremde" aufgezeigt. In "Den Menschen so fern" ist der von Viggo Mortensen gespielte Lehrer Daru solch eine Figur, die den Menschen nicht nur räumlich fern steht. Daru ist kein Misanthrop, sondern widmet sich liebevoll der Erziehung seiner Schüler. Aber mit den ihn umgebenden gesellschaftlichen und politischen Konflikten will er nichts zu tun haben. Entsprechend unwillig regiert Daru, als er durch die Unterbringung des arabischen Straftäters Mohamed in seiner Schule, in einen Konflikt hineingezwungen wird, der nicht der seine ist.

Mortensen erscheint als die Idealbesetzung für diese Rolle. Wahrscheinlich war dies dem Mimen selbst bewusst, denn er ist auch als Koproduzent am Film beteiligt. Er vermag es mittels äußerst sparsamer Gestik und Mimik mitzuteilen, was seine Figur innerlich bewegt. Das ist essentiell in einem Film, der so sehr auf das Nötigste reduziert ist, wie das Leben von Daru inmitten des kargen Atlas-Gebirges. Zudem schwingen bei Mortensen unterschwellig die Erinnerungen an seine Rollen in Filmen, wie David Cronenbergs "Tödliche Versprechen" mit. So nimmt man ihm nicht bloß sofort die Rolle des unabhängigen Einzelgängers ab, sondern kann sich zudem vorstellen, dass man bei Daru möglicherweise auf radikale Überraschungen gefasst sein sollte. In jedem Fall unterstreicht seine Person den in seiner Figur bereits angelegten existenzialistischen Grundton. In "Den Menschen so fern" geht es bei aller Reduziertheit immer ums Ganze; offenbart sich anhand einer kleinen Randgeschichte inmitten der größeren Weltgeschichte das Essentielle des Menschseins.

Der Regisseur und Drehbuchautor David Oelhoffen überführt Camus’ existenzialistische Parabel in das Genre des Westerns. Zwei Männer inmitten der unwirtlichen und lebensfeindlichen Weite des zerklüfteten Atlas-Gebirges und der staubigen Wüste. Nahaufnahmen von zerfurchten und verdreckten Gesichtern und Ehrfurcht erweckende Panoramen, von der weiten, kargen Landschaft. Dazu ein minimalistischer, atonaler Score von Warren Ellis, der hervorhebt, dass dies ein Film ist, der ganz Grundsätzliches zu erzählen hat. Ein paar zumeist unheilvolle Begegnungen. Mehr ist nicht notwendig, um eine Geschichte zu erzählen, die sich tief ins Bewusstsein des Zuschauers einbrennt. "Den Menschen so fern" ist Filmkunst in Vollendung.

Fazit: "Den Menschen so fern" ist ein existentialistisches Drama und ein minimalistischer Western, der auf meisterliche Weise grundlegende Fragen des Menschseins beleuchtet.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.