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Eisenstein in Guanajuato
Eisenstein in Guanajuato
© Salzgeber & Co

Kritik: Eisenstein in Guanajuato (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der sowjetische Regisseur Sergei Eisenstein hatte in den zwanziger Jahren mit einem Hattrick aus drei Meisterwerken - "Streik", "Panzerkreuzer Potemkin" und "Oktober" - sich und dem sowjetischen Kino zu Weltruhm verholfen. Und wenn Weltruhm erst mal erreicht ist, kann man sicher sein, dass Hollywood bald anklingelt. Und so geschah es auch, dass Josef Stalin seinen Meisterregisseur, der in den genannten drei Filmen die Russische Revolution in einem grandiosen Ballett aus Kameraeinstellungen und Schnitten dargestellt hatte (und dabei, wie es in dieser Komödie sarkastisch heißt, mehr Geld ausgegeben und mehr Scheiben zerbrochen habe als die Revolution selbst), als Botschafter kommunistischer Werte 1930 nach Hollywood ziehen ließ.

Doch dort konnte sich Eisenstein mit Paramount Pictures nicht einig werden. Die ganze Reise drohte schon zu einem kolosalen Fehlschlag zu werden, als auf Vermittlung von Charles Chaplin der Kontakt zum sozialistischen US-Autoren Upton Sinclair hergestellt wurde. Im Oktober 1930 entstand die Idee, in Mexiko einen Film über die mexikanische Revolution unter dem Titel "Que viva Mexico!" zu drehen. Sinclair sammelte Geld ein und gründete den "Mexican Film Trust", der den Streifen finanzieren sollte. Eisenstein machte sich auf nach Mexiko.

Hier setzt Peter Greenaway's Film ein - und von den ersten Szenen ist klar, dass er auf eine Groteske aus ist. Der Ton ist heiter und selbstironisch gehalten, ständig wird das Bild dreigeteilt, um Anspielungen unterzubringen - sei es die Photos von Personen, die erwähnt werden, sei es, um Bilder aus Eisensteins Film gegenzuschneiden, um ironische Punkte zu setzen, sei es, um ein und die selbe Geste oder einen Satz mehrfach zu wiederholen. Der Vorspann, in dem Eisenstein aufrecht im offenen Wagen durch Mexiko fahrend ein Orchester zu dirigieren scheint, aber doch nur die Moskitos verscheuchen will, ist ein köstliches Beispiel.

Eisenstein wirkt ein bisschen wie Mozart in "Amadeus" - ein großes, unschuldiges Kind. Anders als Tom Hulce ist sich Eisenstein (mit Verve dargestellt vom Finnen Elmar Bäck) als hier seiner Größe mehr bewusst - er macht sich über sie lustig, aber er setzt sie auch bewusst ein, wenn er etwas erreichen will, zum Beispiel in den Diskussionen mit seinen immer ungeduldiger werdenden amerikanischen Geldgebern. Die Dialoge sind schnell und witzig, das Tempo ist hoch, und die wirbelnde Kamera, die ungewöhnlichen Perspektiven und musikalisch untermalten dialogfreien kaleidoskopischen Sequenzen halten das Interesse wach.

In die Mitte des Films hat Peter Greenaway, der auch das Drehbuch verfasst hat, bewusst die sehr graphisch gezeichnete, durchaus auch witzige Entjungferung Eisensteins durch seinen mexikanischen Fremdenführer, mit dem ihn bald eine amour fou verbindet, gestellt. Man wird den Eindruck nicht los, dass sich Greenaway hier selbst ein bisschen zu sehr in diese Sequenz verguckt hat, die den Exhibitionismus der Figuren ab da doch ziemlich dick vor sich herträgt: "Seht her - nackte Männer, Penisse im Bild, o la la, was sind wir nicht verrucht!"

Jedenfalls verliert der Streifen ab da deutlich an Schwung, hat im Grunde nicht mehr viel mehr zu erzählen als die Abwicklung dieser unmöglichen Liebschaft und sucht allzu oft nur wieder die Bilder auf, die Greenaway für erinnerungswürdig erachten mag (nackte Männer tanzen, ringen, fassen sich an), seine Geschichte aber nur noch im Ruckeltempo voranbringen.

So bleibt "Eisenstein in Guanajuato" als teilweise flotte, aber teilweise auch arg an sich selbst berauschende Tragikomödie im Gedächtnis, die ein erzählenswertes Stück Filmgeschichte aufbereitet - und dabei zuviel auf die Karte "Sexuelle Revolution" setzt.




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