VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Die Blumen von gestern
Die Blumen von gestern
© Piffl Medien

Kritik: Die Blumen von gestern (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Zwei junge Menschen aus der heutigen Enkelgeneration tragen noch immer schwer am Erbe des Holocaust. Der eine von ihnen lebt nur für seine Arbeit als Holocaustforscher und kann sich nicht von der Schuld seines Großvaters befreien. Die andere läuft als Enkelin einer ermordeten Jüdin ähnlich verhaltensgestört durchs Leben. Ist es möglich, dass sich diese Menschen ineinander verlieben und sich ein Stück weit gegenseitig heilen? Es ist der Aberwitz einer solchen Idee, die den neuen Film von Regisseur Chris Kraus ("Vier Minuten") aus der Masse anderer Werke zur Vergangenheitsbewältigung abhebt. Das Thema ist ernst, aber die Charaktere sind als Geschädigte auch ins Komische überdreht. So entfaltet das lustige Drama eine kraftvolle Energie, die direkt aufs Herz zielt.

Es dauert vielleicht eine Weile, bis man in den Sog der sehr originellen Dynamik gerät. Am Anfang wirkt der aggressive Historiker – schon diese Eigenschaft widerspricht dem Klischee des Berufs - , wie einer dieser Charaktere aus einem aufgemotzten Fernsehfilm, der viel Lärm um nichts veranstalten wird. Alles ist so auf merkwürdig getrimmt: Wenn Toto aus der Arbeit heimkommt, zu seiner Frau Hannah (Hannah Herzsprung) und seiner Adoptivtochter, gibt es neue Irritationen. Der Haussegen hängt chronisch schief und die Eheleute verheddern sich in ihren Versuchen, ihn zu stabilisieren. Hannah hat ihre eigenen Macken, sie trifft sich relativ wahllos mit anderen Männern zum Sex. Die schlaue Praktikantin aus Frankreich aber begreift umstandslos, wie das mit Toto zusammenhängt.

Wer Adèle Haenel, die hier Deutsch spricht, aus "Les Combattants" kennt, kann sich auf einen ähnlich wuchtigen Auftritt eines trotzig-sensiblen Charakters freuen. Ihre unglaubliche Präsenz hat etwas Komödiantisches, Entwaffnendes, das sehr gut mit Lars Eidingers vitaler Eigenwilligkeit harmoniert. Schritt für Schritt nähern sich die beiden Figuren einander an und vollführen einen emotionalen Tanz, der die Zuschauer völlig gefangen nimmt. All das hat mit dem Holocaust zu tun, und doch wirkt diese thematische Verknüpfung auch stets wie ein Kunstgriff, ein Gedankenspiel. Es dient dazu, verkrustete Methoden im Umgang mit dem geschichtlichen Erbe aufzubrechen und nach einem persönlicheren Zugang zu fahnden. Chris Kraus erweist sich wieder als ein Meister des Intensiven, nicht nur mit seiner Schauspielerführung, auch mit der Montage, der fesselnden Bildkomposition, der Musik. Das macht den Film, und zwar relativ unabhängig von der Frage der inhaltlichen Relevanz, zum Erlebnis.

Fazit: Chris Kraus' wuchtiger Spielfilm über den Enkel eines Nazi-Täters und die Enkelin eines Holocaust-Opfers bohrt sich mit den Mitteln der Komödie in überraschende dramatische Tiefen. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller Lars Eidinger und Adèle Haenel zieht die Zuschauer mit seiner eruptiven Kraft in den Bann. So kommt, unterstützt von dem ähnlich expressiven Inszenierungsstil, ein berührender emotionaler Entdeckungsprozess in Fahrt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.