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Heil (2015)

Satirische Komödie über alte und neue Nazis und die Blindheit mancher Deutschen auf dem rechten Auge.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4.3 / 5

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Im ostdeutschen Provinznest Prittwitz leitet Sven (Benno Fürmann) eine Nazi-Partei. Damit die junge Doreen (Anna Brüggemann) ihn erhört, will er ihre Bedingung, vorher in Polen einzumarschieren, erfüllen. Sein Ego ist sowieso angeknackst, weil der Anführer einer rechten Kameradschaft in Hamburg auf Facebook viel beliebter ist als er selbst. Seine Männer fürs Grobe schlagen den afrodeutschen Autor Sebastian Klein (Jerry Hoffmann), der nach Prittwitz zu einer Veranstaltung über Rassismus eingeladen wurde, nieder und schleppen ihn in sein Haus, wo er ein Hakenkreuz auf die Stirn geritzt bekommt. Sebastian verliert sein Gedächtnis und plappert nun alles nach, was man ihm sagt. Sven nutzt das aus und tourt mit ihm durch die Talkshows, um ihn die ausländerfeindlichen Positionen der Rechten vertreten zu lassen.

Sebastians schwangere Freundin Nina (Liv Lisa Fries) macht sich auf die Suche nach ihm, vor allem aus Angst, er könnte wieder bei seiner Ex-Freundin gelandet sein. In Prittwitz steht ihr der Polizist Sascha (Oliver Bröcker) bei, der nach Meinung des Bürgermeisters zu viel Aufhebens um die Nazis machte und den Ort damit in Verruf brachte. Und der verkrachte Fernsehjournalist, dessen Reportagen über die rechte Gefahr für den Geschmack seines Chefs nicht sensationell genug sind, steht schließlich zufällig in der Nähe, als ein Panzer aus Polen heranrollt, um Deutschland anzugreifen...

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HeilHeil - Höchste Sicherheitsstufe beim...isdekHeil - Sebastian (Jerry Hoffmann) ist der...tundeHeil - Sven Stanislawski (Benno Fürmann) vor seinem...lakatHeil - Nina (Liv Lisa Fries) sorgt sich um SebastianHeil - Sven Stanislawski (Benno Fürmann) zieht mit...Kampf


Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse5 / 5

Darf man über Neonazis wirklich lachen, wird der Regisseur Dietrich Brüggemann (Tom Lass) in einer Talkshow gefragt. Er antwortet so, wie sich das für solche Runden geziemt: Ja, aber das Lachen muss im Halse steckenbleiben. Diese Persiflage-Szene ist Teil der Handlung von "Heil", der neuesten Komödie von Brüggemann, in der das Lachen nur manchmal im Halse steckenbleibt. Die überdrehte Satire selbst nimmt nämlich so gut wie überhaupt keine Rücksicht auf politische Korrektheit, sondern demaskiert vielmehr das Formelhafte daran.

In dieser Geschichte wimmelt es nur so von Nazis: Der Parteipolitiker Sven träumt allen Ernstes von einer Revanche gegen Polen, als hätte Deutschland im Zweiten Weltkrieg nur die erste Runde verloren. Die Rolle bietet Benno Fürmann einen Paradeauftritt als Redner, der irgendwo im deutschen Wald steht und die Volksstämme voller Inbrunst aufruft, in den Kampf zu ziehen: "Ihr aus den Bergen!" usw. Sein Stellvertreter Kalle (Daniel Zillmann), ein typisch tumber, glatzköpfiger Schläger, möchte aber gerne selbst Anführer werden. Außerdem gibt es eine einflussreiche Gruppe traditionsbewusster Jäger und rechte Kameradschaften in diversen Städten. In Prittwitz aber wird der unerschrockene Polizist Sascha vom SPD-Bürgermeister strafversetzt: Es soll nur ja nicht der Eindruck entstehen, es gebe im Ort eine braune Gefahr.

Kaum dass Sebastian Klein Prittwitzer Boden betritt, will die Polizei seinen Ausweis kontrollieren. Die Diskriminierung leugnen die Beamten mit zynischem Unterton. Solche Situationen, wie sie wohl jeder schon mal im Alltag beobachtet hat, werden hier mit ungewohnter Direktheit kenntlich gemacht. Eine herrliche Persiflage gilt den skandalösen Ermittlungen in der NSU-Mordserie: Neonazis ballern im Kiosk eines Migrantenpaars herum, aber die Polizei weigert sich danach trotz Hinweisen beharrlich, an einen rechtsradikalen Hintergrund zu glauben.

Die temporeiche Handlung springt munter zwischen verschiedenen Schauplätzen und ihren Protagonisten, deren Kreise bis zum Finale immer enger werden. Dabei bekommen auch andere Phänomene ihr Fett weg, von den Schwierigkeiten eines Elternpaars, sich mit der Kinderbetreuung abzuwechseln, bis zum formelhaften Sprechen in Fernseh-Talkshows. Brüggemann, der schon in "3 Zimmer/Küche/Bad" bewies, wie vergnüglich er den Zeitgeist beobachten kann, sollte allerdings aufpassen, dass er sein Talent innerhalb einer Geschichte nicht beliebig streut, sondern sich zielstrebigen Biss bewahren. Glücklicherweise gibt es in diesem frechen Ausnahme-Film davon noch genug.

Fazit: Dietrich Brüggemann führt in seiner köstlich frechen Satire die rechtsextreme Szene ebenso vor wie die gesellschaftlichen Rituale sprachlicher Korrektheit. Mit verblüffender Offenheit wird die gar nicht seltene Tendenz, das rechte Auge zuzukneifen und schwierige Themen zu meiden, attackiert.




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Land: Deutschland
Jahr: 2015
Genre: Komödie, Satire
Kinostart: 16.07.2015
Regie: Dietrich Brüggemann
Darsteller: Oliver Baumgarten als Berater der Kanzlerin, Bernd Begemann, Ruth Bickelhaupt als Nazi-Oma
Verleih: X Verleih

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