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Marie Curie
Marie Curie
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Kritik: Marie Curie (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Außerordentliche Leben ziehen für gewöhnlich Biografien nach sich, gern auch in filmischer Form. Bei der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie war das nicht anders. 1943, nur neun Jahre nach ihrem Tod, verkörperte Greer Garson die Wissenschaftlerin in Mervyn Leroys Liebesdrama, das die private wie berufliche Beziehung des Ehepaars in den Blick nahm. Diverse Varianten für Film und Fernsehen folgten. 1997 betrachtete Regisseur Claude Pinoteau die ersten Erfolge der Forscher gar durch die humoristische Brille. An Isabelle Hupperts Seite spielte damals übrigens Charles Berling, der 19 Jahre später erneut Pierre Curie gibt.

Regisseurin und Koautorin Marie Noëlle wählt einen anderen Ansatz. Weder breitet sie Marie Curies (Karolina Gruszka) Leben von der Wiege bis zur Bahre noch ihre Liebe zu Pierre auf der Leinwand aus. Der ist schnell aus der Geschichte verschwunden, verirrt sich fortan nur noch als Erinnerung und Traumgestalt ins Bild. Stattdessen konzentriert sich Noëlle auf die kurze Zeitspanne zwischen den beiden Nobelpreisen. Genügend Stoff bietet die allemal, zumal Marie Curies häufig ausgeklammerte Affäre mit Paul Langevin (Arieh Worthalter) einen nicht unerheblichen Teil der Handlung einnimmt. Dass darin einige Ereignisse in einer anderen Reihenfolge erzählt werden, Zeiträume verkürzt oder gedehnt, manche Personen weggelassen, andere hinzugefügt werden, ist der Dramaturgie geschuldet und stört nicht weiter.

"Marie Curie" zeigt die Titelheldin als Feministin wider Willen. Ohne aktiv auf die Straße zu gehen oder lauthals ihre Rechte einzufordern, fordert diese Frau die Männerwelt allein dadurch heraus, dass sie ihrer Arbeit nachgeht. Sie ist Wissenschaftlerin, Professorin, alleinerziehende Mutter und Liebhaberin. Vielen Kollegen wie dem Physiker Émile Amagat (Daniel Olbrychski), den das Drama neben dem Journalisten Gustave Téry (Samuel Finzi) als Gegenspieler aufbaut, ist das ein Dorn im Auge. Tief im Denken des vorigen Jahrhunderts verhaftet, bricht sich ihre Geringschätzung des weiblichen Geschlechts wiederholt verbal Bahn. Wenn Curie den Herren ein ums andere Mal gewitzt und trocken Paroli bietet, hat sie die Lacher auf ihrer Seite.

Auch visuell wählt Noëlle einen ungewöhnlichen Ansatz. Der Wechsel von aufwendigen Kamerafahrten zu verwackelter Handkamera, der Einsatz von Split Screens, Jump Cuts und unsichtbaren Schnitten, Zeitlupe und -raffer lässt eher an ein Werk der Nouvelle Vague oder des New Hollywood denn an einen Historienfilm denken. Und wie das Radium, jenes Element, um das sich in dieser Geschichte alles dreht, strahlen auch die Räume. Die sind gar so sehr vom Licht durchflutet, dass jeder Gegenstand, selbst die weißen Häupter der greisen Naturwissenschaftler, reflektieren.

So erfrischend anders "Marie Curie" aussieht, ist das Drama leider nicht erzählt. Zwischen all den kleinen Episoden aus Privatleben und Beruf geht der erzählerische rote Faden ein wenig verloren. Die liebende Mutter, mehr aber noch die Liebhaberin nimmt man der Protagonisten nie ganz ab. Zu kühl und distanziert bleibt Karolina Gruszkas Spiel und die Sätze, die ihr Marie Noëlle und Andrea Stoll in den Mund legen. Für eine leidenschaftliche Romanze ist das zu wenig. Ein vollends überzeugendes Biopic aus der Welt der Wissenschaft ist "Marie Curie" aber auch nicht. Dafür kommt die eigentliche Arbeit, nicht die theoretische in den Hörsälen und während der Konferenzen, sondern die praktische im Labor, viel zu kurz.

Fazit: "Marie Curie" erzählt die Geschichte der zweifachen Nobelpreisträgerin in der kurzen Zeitspanne zwischen den zwei Preisverleihungen. Regisseurin Marie Noëlle setzt ihre Titelheldin als starke, unabhängige Frau in Szene, die ihren männlichen Kollegen selbstbewusst die Stirn bietet und damit ihrer Zeit voraus ist. Die Handlung konzentriert sich dabei aber ein wenig zu sehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Forschung und Wissenschaft kommen deutlich zu kurz.





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