VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Der Olivenbaum (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die spanische Regisseurin und Schauspielerin Icíar Bollaín inszenierte den Film nach einem Drehbuch von Paul Laverty. Der Schotte Laverty ist der Haus- und Hof-Drehbuchautor des britischen Sozialrealismus-Regisseurs Ken Loach ("Looking for Eric"). Seit Mitte der 90er-verfasste Laverty die Drehbücher zu fast allen Loach-Filmen. Auch mit Bollaín, mit der er privat liiert ist, arbeitete Laverty früher schon zusammen: das vielfach prämierte Drama "Und dann der Regen" (2011), das u.a. den Panorama-Publikumspreis bei der Berlinale 2011 gewann, stellte deren erste Zusammenarbeit dar. Mit Ausnahme von Javier Gutiérrez ("La isla minima"), ist "Der Olivenbaum" mit weitestgehend unbekannten spanischen Darstellern besetzt.

Als melancholische, märchenhafte Mischung aus Dramödie und Roadmovie kommt "Der Olivenbaum" daher, der vor allem mit seiner Symbolik und den vielen metaphorischen Anspielungen zu punkten versteht. Die Familie von Hauptfigur Alma verkaufte einst den Baum, um sich damit eine Genehmigung beim Bürgermeister für den Bau eines Strand-Restaurants zu erkaufen. Die Hoffnungen der Familie, vor allem die ihres Vaters und des Onkels, auf bessere Zeiten und finanzielle Unabhängigkeit stehen dabei stellvertretend für die Aufbruchsstimmung und den Wirtschafts-Boom in Spanien Mitte der 90er-Jahre und kurz nach Einführung des Euro 2002. Damals erlebte das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung und überdurchschnittliches Wachstum, die Arbeitslosigkeit war auf einem Niedrigstand.

Symbolisch für das Hoffen auf ein Anhalten dieser (für viele Familien) finanziell sorgenfreien Phase steht auch der Olivenbaum im Film, zu dem Alma in jungen Jahren immer mit ihrem Großvater fuhr. Doch das mit dem Restaurant am Strand wollte nicht so recht klappen, was blieb war ein Haufen Schulden und der Ausverkauf der Wünsche und Träume – was wiederum bildhaft für die seit 2007 einsetzende internationale Finanzkrise und die Rezession im Land steht. Der Film gewährt zudem einen glaubhaften Einblick in eine von sozialen Nöten und Überlebensängsten geprägte spanische Region (die Provinz Castellón in der autonomen Region Valencia), in der der kleine Mann ums Überleben kämpfen muss. Dabei ist geht der Film aber keinem Zeitpunkt so streng mit Wirtschaft, Politik und Sozialsystemen ins Gericht bzw. ist nicht so abrechnend wie die mitunter äußerst zynischen, schwarzhumorigen Filme von Ken Loach, die nicht selten dazu noch ohne Happy-End sind.

"Der Olivenbaum" bewahrt sich immer auch eine verträumte und märchenhafte Atmosphäre, was allein schon in der Tatsache begründet liegt, dass ein alter Olivenbaum (diese knorrigen, oft tausende Jahre alten Ölbaumgewächse) die Hoffnung auf bessere Zeiten und den Wunsch auf Veränderung "verkörpert". Der Film wechselt gekonnt zwischen heiteren und nachdenklichen Momenten. Zu den melancholischsten gehören jene, die den Großvater beim inneren "Verwelken" – mit leerem Blick und trauriger Miene – in der Gegenwart bzw. nach dem Verkauf und dem anschließenden Abtragen des Baumes zeigen.

Für etliche komischen Szene sorgt vor allem der Roadmovie-Abschnitt des Films, wenn sich die resolute, kesse und unbescholtene Alma mit einem riesigen LKW auf den Weg quer durch Europa macht, um den Olivenbaum zurückzuholen – heim ins warme Spanien und aus der kalt-sterilen, emotionslosen Umgebung eines deutschen Energiekonzern-Standorts.

Fazit: Emotionale, mal witzige, mal traurige Mischung aus Sozialdrama, Roadmovie und Komödie, die voller symbolischer und metaphorischer Anspielungen auf den wirtschaftlichen Aufschwung Spaniens steht – ebenso wie für den Finanzcrash 2007 und seine weitreichenden Folgen für die Mittelschicht.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.