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Kritik: Sully (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mehrfach betont der von Tom Hanks verkörperte Protagonist, dass er kein Held sei. Und auch der Titel, der den Spitznamen der Hauptfigur aufgreift, soll Bodenständigkeit vermitteln. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Hollywood-Veteran Clint Eastwood dem Piloten Chesley "Sully" Sullenberger mit seinem Tatsachendrama ein Denkmal setzen und seine große Leistung würdigen will, die im Januar 2009 für weltweites Aufsehen sorgte. Kurz nach dem Start vom Flughafen LaGuardia erlitt die von ihm gelenkte US-Airways-Maschine 1549 einen Vogelschlag, der beide Triebwerke beschädigte und in den Augen Sullenbergers eine ungewöhnliche Rettungsaktion erforderlich machte. Statt dem Standardprotokoll zu folgen, bereitete der erfahrene Flugkapitän eine Notwasserung auf dem Hudson River vor, bei der schlussendlich kein einziges Todesopfer zu beklagen war.

Eastwoods Aufarbeitung der Beinahe-Katastrophe blendet die dramatischen Minuten im Flugzeug zunächst aus und konzentriert sich anfangs auf das Innenleben des Piloten, der trotz des glücklichen Ausgangs spürbar mitgenommen ist. Absturz-Albträume, die Erinnerungen an die Bilder vom 11. September wachrufen, machen Sully zu schaffen, was Tom Hanks mit präziser Mimik und der Film durch ein Anschwellen der Klangkulisse zum Ausdruck bringen. Die Verwirrung des Titelhelden spielt eine nicht unwesentliche Rolle, hätte aber ruhig noch etwas eingehender unter die Lupe genommen werden können.

Parallel schlägt sich der von Medien und Bevölkerung gefeierte Pilot mit einer Untersuchungskommission herum, die das National Transportation Safety Board – kurz NTSB genannt – eingerichtet hat, um die Geschehnisse vor der Notwasserung zu überprüfen. Schon in einer der ersten Befragungsszenen wird deutlich, dass die Sicherheitsbehörde das Verhalten von Sullenberger und seinem Ersten Offizier Jeff Skiles (Aaron Eckhart) äußerst kritisch sieht. Angeblich – das zumindest ergeben Simulationen – hätten sie das Flugzeug noch vor einem Absturz zum Startflughafen LaGuardia oder aber zum nahegelegenen Teterboro Airport steuern können. Die gefährliche Landung im Hudson River sei daher überflüssig gewesen. Auch wenn Eastwood und seine Drehbuchautoren die Mitglieder des Komitees nicht dämonisieren, entsteht der Eindruck, dass wir es hier mit engstirnigen Bürokraten zu tun haben, die ihre Sichtweise um jeden Preis durchdrücken wollen. Als lächerliche Dilettanten stehen die NTSB-Mitarbeiter schließlich im dritten Akt da, dem eine etwas nuanciertere Ausarbeitung nicht geschadet hätte.

Aufgefangen werden die kleinen erzählerischen Schwächen durch Eastwoods kompetente Inszenierung, die sich vor allem in den Augenblicken vor und nach dem abgewendeten Unglück zeigt. Die Anspannung im Cockpit überträgt sich ebenso auf den Zuschauer wie die Panik der Fluggäste, die plötzlich merken, dass die Maschine gravierende Probleme hat. Obwohl der Ausgang der Ereignisse bekannt ist, zittert man mit den Figuren mit. Nicht zuletzt, weil der Film seine Perspektive zwischendurch verlagert. Etwa zu einem Lotsen, der mit dem Protagonisten in Funkkontakt steht und hilflos mitanhören muss, wie plötzlich alle Hoffnung auf eine Landung in LaGuardia oder Teterboro schwindet.

Den Menschen Sullenberger bringt uns das Tatsachendrama besonders in den kurzen Telefongesprächen mit seiner Ehefrau Lorraine (Laura Linney) nahe. Szenen, die einmal mehr belegen, dass Tom Hanks Emotionen ohne billige Manierismen transportieren kann und auch auf diese Weise hinter seiner Rolle zu verschwinden weiß. Anstelle eines weltbekannten Hollywood-Stars sehen wir einen gewissenhaften, aber mitgenommenen Mann vor uns, der sein Handeln und die Reaktionen darauf nicht vollends begreifen kann. Einen Mann, der während eines Fernsehinterviews glaubhaft erklärt, dass er lediglich seinen Job gemacht habe. Nicht mehr und nicht weniger. Angesichts seines bescheidenen Auftretens wirkt es etwas unpassend, dass Eastwood seinen zumeist ohne übertrieben pathetische Gesten auskommenden Film mit allzu feierlichen Abspanntexten beendet.

Fazit: Ein starker Hauptdarsteller und eine souveräne Inszenierung, die aufdringliches Pathos umschifft, gleichen Schwächen im Drehbuch aus und machen "Sully" zu einem sehenswerten Tatsachendrama.




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