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Kritik: Girl on the Train (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Lügen, unzuverlässige Erzählungen, zerstörerische Gefühle und der trügerische Schein des beschaulichen Landlebens – all diese Komponenten kommen in Gillian Flynns Bestseller "Gone Girl – Das perfekte Opfer" zusammen, den David Fincher 2014 auf die große Leinwand brachte. Von vielen Kritikern als Thriller-Meisterwerk gefeiert, kann die Adaption, bei Licht betrachtet, allerdings nicht verbergen, dass die Geschichte aus zahlreichen altbekannten Pulp-Versatzstücken besteht, die Flynn durch ein munteres Perspektivenspiel lediglich etwas unkonventioneller aufbereitet. Im Kern folgen Buch und Verfilmung einer Groschenroman-Logik, die von vielen Rezensenten gnädig übergangen wurde. Ebenso wie der Spannungsabfall, den Finchers Ausarbeitung ab der Hälfte zu verzeichnen hat, gepaart mit einer irritierenden Komik, die manche Szenen vollends ins Lächerliche kippen lässt. Erstaunlich ist vor diesem Hintergrund, dass "Girl on the Train", der auf dem gleichnamigen Millionen-Erfolg der Britin Paula Hawkins basiert, in vielen Besprechungen als billiger "Gone Girl"-Abklatsch verrissen wird. Ganz so einfach ist es sicher nicht, auch wenn viele Betrachter eifrig bemüht sind, eben diesen Eindruck zu erwecken.

Vergleiche zwischen den Büchern und ihre Leinwandversionen drängen sich schon aufgrund der Wortwahl im Titel auf und werden auch durch inhaltliche Parallelen angeregt. Ähnlich wie Gillian Flynn entfaltet Hawkins ihre Erzählung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, denen man nicht ohne weiteres trauen kann. Hier wie dort geraten weibliche Frustrationen in den Fokus. Und in beiden Fällen kommen hinter vermeintlich glänzenden Fassaden tiefe Abgründe zum Vorschein. "Girl on the Train" bloß auf seine Nähe zu Flynns bzw. Finchers Ehe-Thriller zu reduzieren, greift allerdings zu kurz, da der Roman und seine Verfilmung verschiedene Einflüsse erkennen lassen. Offenkundig ist beispielsweise die Anlehnung an Hitchcocks Voyeurismus-Klassiker "Das Fenster zum Hof", der bei Hawkins vom eigenen Wohnhaus in einen Pendlerzug verlegt wird.

Sehnsüchtige Blicke, Gedankenspiele und Projektionen bestimmen das Leben der niedergeschlagenen Rachel (Emily Blunt), die nach dem Ende ihrer Ehe keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt. Obwohl sie ihren Job längst verloren hat, fährt sie täglich mit der Bahn aus der Vorstadt nach Manhattan und passiert dabei ihr altes Haus, das Ex-Gatte Tom (Justin Theroux) inzwischen mit seiner neuen Partnerin Anna (Rebecca Ferguson) und ihrem gemeinsamen Baby bewohnt. Magisch angezogen wird die alkoholabhängige Rachel auch von einem Anwesen, das in unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Dessen Bewohner Megan (Haley Bennett), Toms Kindermädchen, und Scott (Luke Evans) führen – das glaubt die heimliche Beobachterin – ein erfülltes Leben und sind der Inbegriff des perfekten Paares.

Risse bekommen Rachels tröstende Imaginationen, als sie Megan eines Tages in vertrauter Pose mit einem Fremden (Édgar Ramírez) sieht. Ist der Film bis zu diesem Zeitpunkt damit beschäftigt, die drei Frauenfiguren vorzustellen und ihr Befinden zu erforschen, läuft nun der Thriller-Motor an, wobei Regisseur Tate Taylor ("Get on Up") und Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson ("Chloe") exzessiv mit der unsicheren Wahrnehmung ihrer Protagonistin spielen. Rachel ist als Trinkerin keine zuverlässige Instanz und kann sich beim besten Willen nicht erinnern, was sie getan hat, bevor sie blutverschmiert in der Wohnung einer Freundin aufwacht. Ist etwa sie verantwortlich für Megans Verschwinden, deren Untreue sie maßlos verärgert hat? Eine quälende Frage, die Rachel nicht mehr loslässt. Schwankende, verschwommene Handkamerabilder geben ihren verwirrten Zustand wieder. Und Emily Blunt holt aus ihrer eigentlich klischeehaften Rolle dank einer eindringlichen Performance mehr heraus, als es das Drehbuch hergibt. Für ein echtes Charakterdrama fehlt es "Girl on the Train" allerdings an einem ausreichend differenzierten Blick. Motive wie die Vorstadt als Höllenszenario ordnen sich dem wegweisenden Whodunit-Muster unter, sodass der Film oft nur an der Oberfläche kratzen kann. Eindimensional erscheint vor allem die Zeichnung von Rachels Nachfolgerin Anna, die als bedrückte Suburbia-Mutter nur wenig Spielraum erhält. Etwas anders liegt die Sache bei der lasziv-lebensmüden Megan, deren Figur zumindest eine irritierend-geheimnisvolle Aura umgibt.

Nervenaufreibende Spannung entfacht das von Projektionen, brüchigen Erinnerungen und Täuschungsmanövern durchzogene Geschehen sicher nicht. Grundsolide Thriller-Unterhaltung liefert Taylor aber allemal, wenngleich er das Finale zu sehr in die Länge zieht. Enttäuschend – das lässt sich gerade im Vergleich mit "Gone Girl" sagen – ist der übertrieben positive Schlusspunkt, der den Zuschauer beruhigen soll und daher alle verstörenden Aspekte beiseiteschiebt.

Fazit: Die Bestseller-Adaption "Girl on the Train" bietet ordentliche Thriller-Kost und eine stark aufspielende Hauptdarstellerin. Nicht mehr und nicht weniger.





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