VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Remember
Remember
© Tiberius Film © 24 Bilder

Kritik: Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Eine Demenzerkrankung und der Schrecken des Holocausts – Atom Egoyan mutet dem Protagonisten seines neuen Spielfilms einiges zu und begibt sich mit einer schnell angekurbelten Rachegeschichte auf politisch diskussionswürdiges Terrain. Wie tief sitzt der Schmerz, den der Massenmord an den Juden hinterlassen hat? Wie weit reicht die persönliche Erinnerung an die Gräueltaten in die Gegenwart hinein? Und was kann man tun, um heute, 70 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft, noch für Gerechtigkeit zu sorgen? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Zeitzeugen, Opfer wie Täter, bald nicht mehr leben werden? Diese und andere Fragen drängen sich beim Anblick des Thriller-Dramas "Remember" auf, werden von Regie und Drehbuch (Newcomer: Benjamin August) aber zumeist bloß oberflächlich abgehandelt. Was erstaunlich ist, da Egoyan wiederholt sein Gespür für eine komplex arrangierte Vergangenheitsbewältigung demonstriert hat – etwa in seinem Oscar-nominiertem Trauerspiel "Das süße Jenseits" oder dem Showbusiness-Rätsel "Wahre Lügen".

Dieses Mal beschränkt sich der frühere Vexierspielmeister auf einen gradlinigen Plot, der ohne erschütternden Rückblenden und Erinnerungssequenzen auskommt, obwohl ihm tiefe Wunden und seelische Qualen zugrunde liegen. Welche Wirkung die Verbrechen der Nazis bis heute haben, spiegelt sich einzig und allein im Handeln der Figuren wider. Konkret in der Vergeltungsmission, die der gebrechliche Max (Martin Landau) seinem dementen Freund Zev (Christopher Plummer) aufbürdet. Der Mann, der vor vielen Jahrzehnten ihre Familien im Konzentrationslager ausgelöscht hat und später unter falschem Namen über den Atlantik geflohen ist, soll endlich sterben. Dumm nur, dass in Nordamerika gleich vier Rudy Kurlander gemeldet sind und Zev aufgrund seiner Krankheit mehrmals den Auftrag vergisst. Ein Brief mit detaillierten Informationen muss dem Protagonisten immer wieder auf die Sprünge helfen. Und Christopher Nolans Amnesie-Meisterwerk "Memento" lässt grüßen, wenn sich der alte Mann als Erinnerungsstütze Hinweise auf seine Hand notiert.

Bedauerlicherweise entbehrt die Reise ins Ungewisse, die der bemitleidenswerte KZ-Überlebende schon nach wenigen Filmminuten antritt, jeglicher Glaubwürdigkeit. Schwer nachvollziehbar ist beispielsweise, dass ein Demenzpatient quer durch die Vereinigten Staaten und Kanada fährt, ohne eindeutige Spuren zu hinterlassen. Menschen, denen der merklich verwirrte Altenheimbewohner begegnet, verhalten sich zuweilen haarsträubend naiv. Etwa ein Grenzbeamter, der Zev auch dann nicht genauer unter die Lupe nimmt, als dieser bloß einen abgelaufenen Pass vorlegen kann. Ähnlich bizarr wirkt eine Szene, in der ein Sicherheitsmann die Pistole des Rentners entdeckt und sich frohlockend an sein erstes Schießeisen erinnert. Mag sein, dass der Regisseur hier den Waffenfetischismus der Amerikaner persiflieren will. Die Reaktion erscheint dennoch reichlich weltfremd.

Zu den Plausibilitätsproblemen gesellen sich eindimensionale Nebenfiguren und allerhand Klischees, die einer thematischen Vertiefung spotten. Bruno Ganz spielt einen früheren Soldaten, der umgehend ein Album mit Schnappschüssen vom Rommel-Feldzug in Afrika zur Hand hat, als Zev mit vorgehaltener Waffe bei ihm auftaucht. Und Dean Norris verkörpert den Sohn eines toten Nazi-Liebhabers, der den Protagonisten freimütig in sein Haus einlädt und mit beklemmender Begeisterung die Devotionalien-Sammlung seines Vaters präsentiert. Selbstredend, dass seine deutsche Schäferhündin auf den Namen Eva hört. Gerade in dieser Szene ist es vom ernsthaften Ansatz, den die bieder-monotone Inszenierung behauptet, nicht mehr weit bis zur puren Exploitation.

Während Christopher Plummer bemüht ist, Zevs fragilen Zustand spürbar zu machen, interessiert sich Egoyan erschreckend wenig für die gesundheitliche Verfassung seiner Hauptfigur. Hier und da gibt es kleinere Momente, die den Betrachter emotional involvieren sollen. Was es im Einzelnen bedeutet, den Zugriff auf die eigene Identität zu verlieren, erfahren wird jedoch nicht. Schlimmer noch: Mit einem bemüht schockierenden Schlusstwist erweist sich die Krankheit als billiger Drehbuchkniff. Und "Remember" entpuppt sich endgültig als reißerisch-verunglückte Auseinandersetzung mit dem Schrecken des Holocausts. Kaum zu glauben, dass sich ein früherer Vorzeigeregisseur wie Atom Egoyan mittlerweile nicht zu schade für eine derart fragwürdige Unternehmung ist!

Fazit: Ein alter Mann auf Rachekurs und eine absurd-zweifelhafte Pointe – mehr dürfte beim Zuschauer nicht hängen bleiben. "Remember" ist hausbacken inszeniertes, pseudoseriöses Thriller-Kino, das nicht nur mit zahlreichen Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen hat, sondern auch am trivialen Umgang mit der Holocaust-Vergangenheit und dem Demenzschicksal der Hauptfigur krankt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.