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Kritik: The Commuter (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Weg zur Arbeit und von dort zurück nach Hause ist im echten Leben manchmal vielleicht schweißtreibend, aber nur selten wirklich aufregend. Routinen und Rituale bestimmen den Alltag eines Pendlers und lassen keinen Raum für große Abenteuer. In ihrer mittlerweile vierten Zusammenarbeit setzen der spanische Filmemacher Jaume Collet-Serra und der charismatische Leinwandrecke Liam Neeson genau an diesem Punkt an. Ein Mann, der gerade erst seinen Job verloren hat, wird in einem Regionalzug mit Kurs auf die Vororte New Yorks von einer Unbekannten (Vera Farmiga) angesprochen, die ihn zunächst in ein unverfängliches Gespräch verwickelt, um ihm schließlich ein seltsames Angebot zu unterbreiten: Sollte er einen bestimmten Passagier an Bord ausfindig machen, bevor dieser die Bahn verlässt, erhält er 100.000 Dollar. Geld, das er nach der Kündigung gut gebrauchen kann. Was wie ein glücklicher Zufall anmutet, entpuppt sich jedoch schnell als tödliches Komplott.

Seit dem in Berlin angesiedelten Amnesie-Thriller "Unknown Identity" arbeiten sich Collet-Serra und Neeson mit großer Begeisterung an klassischen Hitchcock-Szenarien ab. Das Motiv des unschuldig in eine Intrige hineingezogenen Protagonisten und ein Wettlauf gegen die Zeit kennzeichnen auch den Spannungsstreifen "The Commuter", der eklatante Ähnlichkeiten mit ihrem 2014 veröffentlichten Nervenkitzler "Non-Stop" aufweist. Spielte die Handlung dort fast ausschließlich an Bord eines Flugzeugs, ist es nun ein Pendlerzug, der als zentraler Verschwörungsschauplatz dient. Einmal mehr gelingt es dem spanischen Regisseur, der sich auf effektive B-Movie-Kost spezialisiert hat, den begrenzten Raum so zu inszenieren, dass keine Langeweile aufkommt. Immer wieder erkundet die Kamera die unterschiedlichen Winkel der Regionalbahn und schafft dadurch eine Dynamik, die den wendungsreichen Plot-Verlauf zusätzlich anheizt.

Während Vera Farmiga in ihrem kurzen Auftritt eine bedrohlich-geheimnisvolle Ausstrahlung verströmt, überzeugt Liam Neeson abermals in der Rolle eines bodenständigen Normalbürgers, mit dem man gerne mitfiebert. Wie immer, wenn er mit Collet-Serra zusammenarbeitet, darf sich der in Nordirland geborene Hollywood-Haudegen in einigen Nahkampfpassagen beweisen, die – auch das ist inzwischen eine Konstante ihres gemeinsamen Wirkens – versiert umgesetzt sind. Das recht hohe Tempo und die regelmäßigen Drehbuchvolten lenken den Zuschauer davon ab, dass die konstruierte Erzählung logische Schwachstellen hat, womit sich "The Commuter" klar in die Tradition eines Alfred Hitchcock stellt. Immerhin war dem legendären Spannungsmeister eine wirkungsvolle, mitreißende Inszenierung stets wichtiger als die Plausibilität einer Geschichte.

Dass Collet-Serras Pendler-Albtraum im letzten Drittel deutlich abbaut, liegt zum einen an der unbefriedigenden Auflösung der Intrige, die dann doch recht beliebig und wenig originell erscheint. Zum anderen lässt sich der handwerklich begabte Spanier hier – ähnlich wie schon im stärkeren Flugzeug-Thriller "Non-Stop" – zu einer überkandidelten Actionorgie hinreißen und bemüht dafür allenfalls mittelprächtige Computerbilder. Unter dem Eindruck des verpatzten Finales wünscht man sich trotz einer weitgehend kompetenten Spannungserzeugung, dass sich der nächste Film des Duos – sollte es einen geben – etwas Neues zutraut. Neeson als Verschwörungsopfer auf dem Schiff oder im Bus braucht es eher nicht.

Fazit: Wendungsreicher Adrenalin-Thriller, der von einem gewohnt charismatischen Liam Neeson profitiert, im dritten Akt aber stark an Reiz verliert.




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