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Das Hotelzimmer
Das Hotelzimmer
© kurhaus production

Kritik: Das Hotelzimmer (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Spätestens seit Wolfgang Petersens Über-Meisterwerk "Das Boot" (1981) gelten deutsche Filmemacher zu Recht international als Meister klaustrophobischer Thriller in begrenzten Räumen. Auf die Spitze getrieben hat dieses Konzept Romuald Kamakar mit seinem Kammerspiel "Der Totmacher" (1995) in dem Götz George den Kindermörder Fritz Haarmann spielt. Ein einziger Raum mit einem Hauptdarsteller, der sich die Seele aus dem Leibe spielt und nur ganz wenige weitere Darsteller: Mehr war nicht nötig um ein mitreißendes Psychodrama zu erschaffen. In seinem dritten Langfilm geht der deutsche Filmemacher Rudi Gaul sogar fast noch reduzierter zu Werke: Zwei gleichberechtigte Hauptdarsteller und ein Hotelzimmer sind alles, was notwendig ist, um den Zuschauer eineinhalb Stunden lang gut zu unterhalten.

Dass dies gelingt ist im wesentlichen der Verdienst eines fintenreichen Drehbuchs, das nur sehr wenig Leerlauf kennt und der beiden Hauptdarsteller, die fast als Idealbesetzungen für ihre Charaktere erscheinen. Giese überzeugt so sehr als der schwer durchschaubare Interviewer Lukas Schmidt, wie Mina Tander in ihrer Rolle als die junge Starautorin Agnes Lehner. Der einzige Wermutstropfen besteht darin, dass man weder dem 1972 geborenen Giese, noch der 1970 geborenen Tander so recht abnimmt, dass sie vor nur 10 Jahren gemeinsam Abi gemacht haben sollen. Davon abgesehen ist es jedoch bemerkenswert, wie hervorragend es gerade Giese gelingt die Balance zwischen verletzten Opfer und möglichen Psychopathen zu halten. Ebenso gelingt es der zunächst sehr souverän auftretenden Tander als Agnes die langsam zu Tage tretenden Brüche in ihrer Figur sehr glaubhaft zu vermitteln.

So bleibt "Das Hotelzimmer", von nur kurzen Durchhängern abgesehen, die gesamte Laufzeit über spannend. Immer neue Wendungen legen stets neue Schichten einer sich herausschälenden Geschichte und der seelischen Untiefen der beiden Protagonisten frei. Ohne, dass dies - wie bei vielen aktuellen Thrillern - bemüht wirkt, kommt es so zu stets neuen Entwicklungen und sich ändernden Kräfteverhältnissen innerhalb der Wortduelle von Lukas und Agnes. Erst gegen Ende nimmt die Auseinandersetzung auch eine physische Form an.

Hinzu kommt, dass der Begriff der Reduktion in Wirklichkeit nur sehr bedingt auf diesen Film passt. Denn die Art, wie Gaul die Handlung des fiktiven Buches mit der seines fast dokumentarisch wirkenden fiktiven Films kurzschließt, macht das Geschehen so komplex, dass selbst die beiden Protagonisten oft ihre Probleme damit haben, die sich hier überlagernden und gegenseitig durchdringenden Realitätsebenen halbwegs zu entwirren. Als I-Tüpfelchen verschmelzen diesen beiden Fiktionsebenen auf einer Metaebene, in der es um Themen wie die Verlässlichkeit unserer Erinnerung, die Erschaffung von Geschichte durch die Übermittlung einer bestimmten Sichtweise und des Festhaltens und der Manipulation der Wahrheit durch die Medien geht.

Fazit: Dieser experimentelle Psychothriller in Form eines Kammerspiels ist ein überzeugenden Beleg dafür, dass weniger tatsächlich mehr sein kann.





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