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Chamissos Schatten
Chamissos Schatten
© Real Fiction

Kritik: Chamissos Schatten: Kapitel 3 Kamtschatka u.d. Beringinsel (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Im letzten Teil ihres beinahe zwölfstündigen Dokumentarfilms "Chamissos Schatten" arbeitet sich Regisseurin Ulrike Ottinger von Tschukotka in den Süden vor. Dort macht sie auch auf jener Insel Halt, die den Seefahrer Vitus Bering, der dem Meer und der Insel nach seinem Tod ihre Namen gab, das Leben kostete. Wie so viele Entdecker starb auch Bering während einer Expedition. Aus dem Off liest Burghart Klaußner Passagen aus dem Reisetagebuch Georg Wilhelm Stellers, der mit Bering Mitte des 18. Jahrhunderts in See stach. In seinen Aufzeichnungen beschreibt der Naturforscher und Arzt Berings Tod. Ottinger setzt Stellers Erinnerungen die schroffe Landschaft dieser Breiten entgegen – und das Publikum spürt, dass der harte Winter, der Berings Mannschaft vor über 200 Jahren zusetzte, die Menschen auch heute noch fordert.

Diese Menschen sind ganz unterschiedlicher Natur. Was sie verbindet, sind ihre Offenheit und ihr Pragmatismus. Einer alten Frau sieht Ottinger geduldig beim Ernten von Sonnenblumenkernen zu, mit einer Anglerin verweilt sie stundenlang an einem Fluss und eine Greisin, die wie zu Stellers Zeiten noch in einer Jaranga lebt, besucht sie in diesem historischen Rundzelt. Hinter einem qualmenden Teekessel erzählt die Frau aus ihrem Leben, zeigt stolz ihre traditionell gefertigten Stiefel und singt eine volkstümliche Weise. Ganz am Ende klagt ein Fischer Ottinger vor laufender Kamera sein Leid, beschwert sich bitterlich über Korruption und Polizeiwillkür. Hoch im Norden, weit weg von Moskau, so scheint es, hegen die Menschen noch keine Scheu, keine Skepsis gegenüber Fremden und deren Medien.

In größeren Städten, die abseits all der verlassenen Industrieanlagen und weit entfernt von der betörenden, menschenleeren Natur liegen, sieht das schon etwas anders aus. Hier hält nicht nur der Kommerz Einzug – was Ottinger beinahe surreal bebildert, als sie die nicht enden wollenden Fischtheken eines Supermarkts einfängt, über denen grelle Heliumballone in Fischform schweben –, hier bekommt Ottinger auch nicht mehr jeden vor ihre Linse. Den Erbauer eines goldenen Turms, der die historische Ansicht des örtlichen Hafens versperrt, sieht das Publikum nicht. Seine Pläne, ein Touristenzentrum zu errichten und eine Reise auf Berings Spuren mit einem Kreuzfahrtdampfer anzubieten, referiert Ottinger lediglich aus dem Off. Die der Willkür bezichtigten Polizisten wollen freilich ebenfalls nicht im Film auftauchen. Auch an manch anderer Stelle erzählt Ottinger mehr als sie zeigt.

Die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen – wenn Ottinger etwa minutenlang die Totenstille von Kamtschatkas Lavalandschaften einfängt – und der gelungenen Kniff, die Geschichte der Halbinsel nicht selbst aus dem Off zu sprechen, sondern dem Publikum durch die historischen Reiseberichte zu vermitteln, machen diesen kleinen Makel wieder wett.

Fazit: Nach einem etwas schwächeren zweiten Kapitel weist "Kamtschatka und die Beringinsel" wieder alle Stärken des ersten Kapitels auf. Ulrike Ottinger gelingt es erneut, die richtige Mischung aus einem ruhigen Erzählfluss und faszinierenden An- und Einsichten zu finden. Zwar erzählt die Regisseurin abermals einige Ereignisse lediglich nach, anstatt diese ins Bild zu setzen, viele atemberaubende Aufnahmen machen das aber schnell vergessen. Insgesamt sollte Ottingers Mammutprojekt jedoch als Ganzes betrachtet werden. Mit Einzelbewertungen der vier Filme wird man dem beinahe zwölfstündigen Gesamtwerk nur schwer gerecht.




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