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Captain Fantastic
Captain Fantastic
© Universum Film © 24 Bilder

Kritik: Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Einfach alles stehen und liegen lassen. Den Zwängen des gesellschaftlichen Lebens entfliehen. Und an einem unberührten Ort eine neue Existenz aufbauen. Viele Menschen haben sicherlich schon einmal mit diesem Gedanken gespielt, setzen ihn aber nicht in die Tat um, da er zahlreiche Entbehrungen mit sich bringt und eine außergewöhnliche Selbstdisziplin erfordert. "Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück" präsentiert uns den sanft-autoritären Ben (wunderbar nuanciert: Viggo Mortensen), der diesbezüglich keine Herausforderungen scheut und sich aus tiefster Überzeugung mit seiner Ehefrau Leslie (Trin Miller) aus der Konsumgesellschaft verabschiedet hat. Seine sechs Kinder zieht das Aussteigerpaar tief in den Wäldern des Pazifischen Nordwestens groß, fernab moderner Errungenschaften, die Körper und Geist träge machen. Angeleitet von ihrem prinzipientreuen Vater, lernen Bo (George MacKay), Kielyr (Samantha Isler), Vespyr (Annalise Basso), Rellian (Nicholas Hamilton), Zaja (Shree Crooks) und Nai (Charlie Shotwell) nicht nur, wie man in der Natur überleben kann. Tagtäglich bürdet Ben ihnen auch ein anspruchsvolles Bildungsprogramm auf, das von seinen linken Einstellungen geprägt ist.

Das Ganze wirkt auf den ersten Blick wie eine spannungsfreie Hippie-Idylle, doch schon am Anfang des Films macht Regisseur und Drehbuchautor Matt Ross deutlich, dass die kleine Gemeinschaft nicht nur vom Glück verfolgt wird. Die Mutter der Kinder ist mittlerweile komplett abwesend, da sie sich aufgrund einer psychischen Erkrankung in stationärer Behandlung befindet. Irgendwann erhält die Familie schließlich die traurige Nachricht, dass Leslie Selbstmord begangen hat. Was zu einer herzzerreißenden Szene führt, die vor allem zwei Dinge illustriert: In seiner Erziehung setzt Ben konsequent auf einen offenen Umgang. Auch bei schwierigen Themen, weshalb er die Todesumstände ohne Umschweife zur Sprache bringt. Darüber hinaus scheint es unter der Oberfläche schon länger zu gären. Nicht umsonst reagiert der pubertierende Rellian auf die schreckliche Botschaft mit einem gewaltsamen Wutausbruch, der sich ganz konkret gegen seinen Vater richtet.

Die Ausgangssituation von "Captain Fantastic" ist tragisch und bedrückend. Und doch ist der Film weit davon entfernt, ein schwermütiges Trauerwerk zu sein. Im Gegenteil, haben die Kinder ihren Daddy einmal überzeugt, zur Beerdigung der Mutter zu reisen, beginnt ein ereignisreicher Road-Trip, der an den charmanten Independent-Hit "Little Miss Sunshine" erinnert. Ähnlich wie dort haben wir es hier mit sympathisch-schrägen Protagonisten zu tun, die von einem glänzend aufgelegten Darstellerensemble mit Leben gefüllt werden.

Ehrlich berührende Momente wechseln sich während der Reise ständig mit amüsanten Begebenheiten ab, die ihre Komik besonders aus dem Zusammenprall der unterschiedlichen Welten beziehen. Hier die hochgebildeten, im sozialen Umgang unbeholfenen Einsiedler und dort Menschen, die fest in die Gesellschaft eingebunden sind und sich an Konventionen klammern. Wunderbar auf die Spitze getrieben wird die Gegenüberstellung zwischen Aussteigermentalität und einem "normalen" Familienleben im Haus von Bens Schwester Harper (Kathryn Hahn), wobei Ross hier manchmal etwas überdeutlich wird.

Hoch anrechnen muss man dem Regisseur, dass er sich, allen humorvollen Einlagen zum Trotz, auch ernsthaft mit der Frage befasst, welche Schattenseiten ein Leben abseits der Zivilisation mit sich bringen kann. Leslie scheint das Aussteigerdasein irgendwann nicht mehr ertragen zu haben. Um nicht zu sagen daran zerbrochen zu sein. Und bei genauerem Hinsehen sind einige der sportlichen Herausforderungen, die Ben seinen Kindern abverlangt, hochgradig gefährlich. Noch dazu lässt sich nicht wegdiskutieren, dass der überzeugte Linksintellektuelle den Heranwachsenden seine eigenen Ideale aufzwingt und sie damit in ihrer Individualität beschneidet. Aspekte wie diese drängen immer wieder an die Oberfläche und regen den Betrachter zum Nachdenken an, selbst wenn Ross in der zweiten Hälfte gelegentlich mit dem dramaturgischen Holzhammer arbeitet. Besonders die starken Schauspieler, zu denen auch Frank Langella als Bens Schwiegervater gehört, halten "Captain Fantastic" bis zum überzogen versöhnlichen Schluss auf Kurs. Die Tragikomödie mag ihre Macken haben und macht es sich stellenweise etwas einfach. Wenn man am Ende allerdings das Kino verlässt und sich auf einmal darüber wundert, warum Nacktheit ("Es ist nur ein Penis!") eigentlich so sehr tabuisiert wird. Wenn man plötzlich spürt, wie festgefahren zuweilen das eigene Denken ist, dann hat ein Film definitiv mehr geboten als seichte, leicht konsumierbare Unterhaltung.

Fazit: Obwohl "Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück" mit einigen Drehbuchschwächen zu kämpfen hat, gelingt Mat Ross eine Tragikomödie, die wunderbar zwischen nachdenklich-ergreifenden und komischen Momenten schwankt und darüber hinaus von glänzend aufgelegten Darstellern getragen wird.





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