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1001 Nacht: Volume 1: Der Ruhelose
1001 Nacht: Volume 1: Der Ruhelose
© Real Fiction

Kritik: 1001 Nacht: Teil 1 - Der Ruhelose (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Miguel Gomes' Trilogie "1001 Nacht" beginnt wie ein klassischer Dokumentarfilm. Bilder einer Werft schaukeln vorüber. Aus dem Off berichten Arbeiter vom Aufstieg und Niedergang ihres Betriebs. Ein zweiter Erzählstrang setzt ein. Die Kamera begleitet einen Mann, der die Ausbreitung asiatischer Wespen bekämpft. Zwei Folgen der Globalisierung. Unvermittelt mischt sich der Regisseur selbst ins Geschehen. Unfähig, sein Pojekt zu Ende zu bringen, flieht er vom Set. Wenig später steht er, bis zum Kopf im Sand eingegraben, vor Gericht. Der Regisseur überlässt Scheherazade seinen Platz, die spannende Geschichten aus Portugal erzählen soll, um seine Haut zu retten – und der eigentliche Film beginnt.

Glaubt man Miguel Gomes, dann basieren alle Geschichten, Figuren und Orte, die nun folgen, auf wahren Begebenheiten, die sich von August 2013 bis Juli 2014 in Portugal ereignet haben. Wie viel davon tatsächlich der Wahrheit entspricht und was das Drehbuch hinzugedichtet hat, lässt Gomes offen. Wer Profi und wer Laie ist, lässt sich ebenfalls nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. In einer Welt, in der das Leben die besten Geschichten schreibt und täglich die buntesten Blüten treibt, könnte aber auch alles wahr sein. Die Mischung aus dokumentarischen Elementen, gespielten Szenen und einem märchenhaften Überbau versetzt den Kinosaal in einen traumhaften Schwebezustand, in dem das Publikum über die Absurditäten des Alltags amüsiert den Kopf schüttelt.

Inhaltlich hat "1001 Nacht" nichts mit der Vorlage zu tun. Die Erzählstruktur des Films ist jedoch an den Klassiker der Weltliteratur angelehnt. Die drei großen Episoden des ersten Teils zerfallen in weitere Geschichten. Gomes' Ton ist mal mitfühlend, mal herablassend, je nachdem, von wem er gerade erzählt. Die Politiker, die Portugal ihren Sparzwang auferlegen, bekommen in der ersten Episode ihr Fett weg. Gomes degradiert sie zu Karikaturen mit Erektionsstörungen, setzt ihre Politik mit Zauberei gleich, die ihren Zweck verfehlt. In der zweiten Episode entfacht ein Hahn einen Nachbarschaftsstreit. Und in der letzten kämpft ein Gewerkschafter für den Erhalt eines Neujahrsschwimmens. All diese Geschichten fußen in der Eurokrise.

Es scheint, als könne Miguel Gomes der schreienden Ungerechtigkeit der (europäischen) Krisenpolitik nicht allein mit Fakten begegnen. Schließlich sind deren Folgen lange bekannt, haben bereits zahlreiche Nachrichtenspalten und unzählige Talkrunden im Fernsehen gefüllt. Geändert hat sich nichts. Gomes' Flucht ins Märchenhafte, das in "1001 Nacht: Teil 1 – Der Ruhelose" immer wieder in den Alltag der Menschen einbricht, diesen überhöht, ist der Versuch, der Verzweiflung einer Nation mit Poesie zu begegnen. Gomes' Kalkül geht auf. Denn das Publikum fragt sich am Ende, was verrückter ist: die Welt der Märchen oder die, in der wir leben?

Fazit: "1001 Nacht: Teil 1 – Der Ruhelose" ist der Beginn einer Trilogie, die der Krise in Portugal mit einer Mischung aus Fakten und Fiktion, aus Dokumentarischem und Märchenhaftem begegnet. Regisseur Miguel Gomes gelingt das Kunststück, Tragik und Absurdität von Politik und Alltag ebenso amüsant wie poetisch auf die Leinwand zu bringen.





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