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1001 Nacht: Volume 2: Der Verzweifelte
1001 Nacht: Volume 2: Der Verzweifelte
© Real Fiction

Kritik: 1001 Nacht: Teil 2 - Der Verzweifelte (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der zweite Teil dieser märchenhafter Trilogie beginnt wie ein Western, geht in absurdes Theater über und endet im Neorealismus. Die Kamera begleitet den flüchtigen Mörder Simão (Chico Chapas), der als einsamer Wolf durch das portugiesische Hinterland streift. Sanft gleitet sie über Felder, Seen, an Flussläufen und Felsen entlang. Doch auch hier ist nichts, wie es in Miguel Gomes' Magnum Opus über die Verlierer der Krise zunächst scheint. Ein tiefes Brummen, das Simão und mit ihm das Publikum anfänglich für einen Bienenschwarm hält, stellt sich als Kameradrohne heraus. Die Polizisten sind dem Mörder dicht auf den Fersen. Auf ihren Pferden wirken sie wie verkleidete Cowboys. Nachts sitzt Simão mit Frauen am Feuer, die im doppelten Sinn seine Fleischeslust befriedigen. Doch auch hier kann der Zuschauer Gomes' Bildern nicht trauen, visualisiert der Filmemacher doch nur Simãos Träume von Huren und Rebhühnern.

Welche der drei Episoden des zweiten Teils die stärkste ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Anfang um den Mörder Simão, der schließlich zum gefeierten Volkshelden wird, weil er die Behörden so lange narrt, ist am schönsten fotografiert. Der Mittelteil, in dem eine ganze Nation in einem Amphitheater vor Gericht steht, ist am komischsten, mag einigen aber zu plakativ erscheinen. So klar, amüsant und absurd wie hier wurden einem die Finanzkrise von 2008 und ihre Folgen jedoch selten vor Augen geführt. Gomes macht daraus eine "groteske Verkettung von Dummheit, Gemeinheit und Verzweiflung", wie es die Richterin (Luísa Cruz) in dieser Episode formuliert. Der Abschluss um den Hund Dixie und die unzähligen kleinen Freuden, Sorgen und Nöte der Bewohner eines Hochhauses ist am berührendsten, spielt zudem am stärksten mit der Narration. Hier blickt Gomes erneut auf die Ränder Gesellschaft, erhebt wie einst der Neorealismus die kleinen Leute zu (tragischen) Helden des Alltags.

All die großen und kleinen Geschichten aus Portugal langweilen nie. Trotz einer Laufzeit von 131 Minuten gelingt es Miguel Gomes', sein Publikum bei Laune zu halten. Der Schwebezustand zwischen Traum und Realität, in den er den Kinosaal versetzt, gelangt in "1001 Nacht: Teil 2 – Der Verzweifelte" zu seiner Vollendung. Hier halten sich Fakten und Fiktion, Dokumentarisches und Märchenhaftes, Bilder von cineastischer Wucht, Erzählerstimmen aus dem Off und unbändige Fabulierlust perfekt die Waage.

Fazit: "1001 Nacht: Teil 2 – Der Verzweifelte" ist das Mittelstück einer Trilogie, die der Krise in Portugal mit einer Mischung aus Fakten und Fiktion, aus Dokumentarischem und Märchenhaftem begegnet. Regisseur Miguel Gomes gelingt das Kunststück, Tragik und Absurdität von Politik und Alltag ebenso unterhaltsam wie künstlerisch anspruchsvoll auf die Leinwand zu bringen. Gomes' Fabulierlust und Ästhetik erreichen im zweiten Teil ihren Höhepunkt.




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