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Die Habenichtse
Die Habenichtse
© Real Fiction

Kritik: Die Habenichtse (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für seine zweite Regiearbeit nach "3° kälter" (2005) brauchte Kameramann Florian Hoffmeister ("Liegen lernen", "Mortdecai") einen langen Atem. Fast acht Jahre hat er an der Verfilmung von Katharina Hackers Roman "Die Habenichtse" gearbeitet, die Geschichte – nicht zuletzt aufgrund der Finanzierung – immer weiter verdichtet. Von der Vorlage ist nur noch die "Essenz" geblieben, wie es Hoffmeister nennt. Das tut der Adaption gut, wie auch die Entscheidung, das Beziehungsdrama in Schwarzweiß zu drehen.

Vielen Romanverfilmungen mangelt diese Reduktion, fehlt die Entschlossenheit, sich von geliebten Figuren, Episoden oder ganzen Handlungssträngen zu trennen. Hoffmeister und seine Drehbuchautorin Mona Kino streichen hingegen konsequent und führen gleich mehrere Charaktere zu je einem einzigen zusammen. Das hat den großen Vorteil, sich in der Kürze der Laufzeit nicht in unnötigen Seitenwegen zu verrennen, den Protagonisten mehr Raum zu geben und den Kern der Vorlage dennoch zu treffen.

Mit neutralem, wertfreiem Blick erzählt Hoffmeister von Menschen, die ein Mangel verbindet. Die Habenichtse aus dem Titel beschränken sich nicht auf die materiell abgehängten Jim (Guy Burnet) und Sara (Raffiella Chapman), sondern bevölkern alle Gesellschaftsschichten. Anwalt Jakob (Sebastian Zimmler) und seine Frau Isabelle (Julia Jentsch) haben keine finanziellen Sorgen, sind aber emotional verarmt. Anstatt ihre Gefühle miteinander zu teilen, fliehen sie in Ersatzhandlungen. Ihre Liebe ist ein beständiges Ringen, das Hoffmeister zu Beginn ihrer Beziehung auch so in Szene setzt. Das treffendste Bild dieser Gesellschaft, in der die Menschen zwar nebeneinander, aber stets aneinander vorbei leben, gibt die wohlsituierte Leila (Gina Bellman) ab. Verbissen kämpft sie um die Rückgabe ihres enteigneten Familienbesitzes, nur um zu erkennen, dass die materielle Wiedergutmachung den emotionalen Schaden nicht aufwiegt.

Hoffmeisters Kameramann Robert Binnall fängt diese Reflexion über das Haben und das Sein vor dem Hintergrund von Kapitalismus, Terror und Krieg (nicht ohne Grund wird an einer Stelle der Sozialpsychologe Erich Fromm zitiert) in gelungenen Schwarzweißaufnahmen ein. Die passen ebenso wunderbar zur vergangenen Epoche um die Jahrtausendwende wie zum leisen, nüchternen, manchmal melancholischen Ton dieses Films. Vor allem die Gesichter der Hauptdarsteller – Sebastian Zimmlers seltsam entrückter Blick, Julia Jentschs kraftvolle Präsenz – kommen darin hervorragend zur Geltung.

Fazit: "Die Habenichtse" ist ein gleichermaßen nachdenkliches wie kluges Porträt einer Generation, die zwar alles hat, aber nichts ist. Bei aller Reduktion trifft Regisseur Florian Hoffmeister den Kern der Romanvorlage und überlässt es seinem Publikum, ein Urteil über die Figuren zu fällen.




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