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The Killing of a Sacred Deer
The Killing of a Sacred Deer
© Alamode Film

Kritik: The Killing of a Sacred Deer (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Rachethriller des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos ("The Lobster") bezieht seine beklemmende Spannung aus dem Paranormalen, das sich in das durch und durch rationale Dasein von Steven Murphy und seiner Familie mischt. Der Herzchirurg funktioniert wie ein Uhrwerk, er vertraut natürlich der modernen Medizintechnik, und dennoch kann er seine Familie nicht vor Hexerei schützen. Martin, der Sohn eines Mannes, der auf Stevens Operationstisch starb, fordert von ihm, dass er ein Familienmitglied opfert. Und er scheint die übernatürliche Fähigkeit zu besitzen, seine Drohung, andernfalls werde Steven die ganze Familie verlieren, wahrzumachen. Die parabelhafte Geschichte knüpft an mythologische und religiöse Stoffe an, die von Schuld und Sühne, vom Prinzip Auge-um-Auge, von der göttlichen Forderung nach einem Menschenopfer handeln.

Die Strukturen der vernunftbetonten Welt, die Sicherheit, über Wissen, Wohlstand und Handlungsmöglichkeiten zu verfügen, versagen Steven und seiner Frau Anna recht schnell den Halt. Möglicherweise ist der Jugendliche nur das personifierte schlechte Gewissen von Steven, der bei der Operation nicht nüchtern war. Aber auch dann bliebe Martins Macht, Bob und Kim plötzlich zu lähmen, unerklärlich. Wenn ein Film seinen Zuschauern so viel Eigenwilligkeit zumutet, stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, sich darauf einzulassen. Legitimieren philosophische oder gesellschaftskritische Botschaften diesen Schritt aus der Realität hinaus?

Tatsächlich übt der Film mit sarkastischem Humor Kritik am Leistungs- und Erfolgsdenken, das Stevens Leben und seine Beziehungen zu Frau und Kindern bestimmt. Steven ist ein Gefangener, lange bevor Martin ihn entmachtet. Colin Farrells Charakter verbirgt seine Emotionen unter einem Bart und spricht sehr mechanisch, geradezu seelenlos. Auch die anderen Charaktere reden wie ferngesteuert, aber bei Steven fällt dieser angepasste, auch aggressive Anspruch, zu funktionieren, besonders auf. Letztlich ist Steven von der Ellbogenmentalität infiziert. Zu ihr gehört auch das Bestreben, negative Konsequenzen für das eigene Handeln zu vermeiden, sodass auch die Sühne zu einer bloßen Geste gerinnt. Der bitterböse Ton dieser spannend und visuell eindrucksvoll inszenierten Mär gibt ihr eine gewisse Erdung. Aber ansonsten steckt in diesem eigenwilligen Spiel mit dem Mythos des Sühneopfers nicht auffallend viel Sinn.

Fazit: Regisseur Yorgos Lanthimos setzt in seinem mit dem archaisch-mythologischen Begriff des Sühneopfers spielenden Drama auf wuchtige Kontraste. In die durchrationalisierte, vom Leistungs- und Erfolgsgedanken beherrschte Welt eines Herzchirurgen bricht böse Hexerei in Gestalt eines Jugendlichen ein, der den Tod seines Vaters am Operationstisch rächen will. Satirisch-bissige Kritik am selbstoptimierten modernen Individuum trifft mit einigem Unterhaltungswert auf eigenwillige Gedankengänge, die sich eine gute Portion Rätselhaftigkeit bewahren.




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