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Detroit (2017)

Molotowcocktails in der Motor City: Kathryn Bigelow lässt die Aufstände von Detroit 50 Jahre später noch einmal im Kino aufleben.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.5 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 2 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Detroit im Sommer 1967: Nach einer Razzia in einer illegalen Kneipe, bei der die afroamerikanischen Gäste in aller Öffentlichkeit abgeführt werden, wird es unruhig auf den Straßen der Autostadt. Um die Aufstände und Plünderungen in den Griff zu bekommen, fordern die Behörden Unterstützung von Bundesbeamten und der Nationalgarde an, was die Lage weiter verschärft. Als im Algiers Motel Schüsse fallen, vermuten die Behörden einen Heckenschützen, der es auf die Polizei abgesehen hat, und stürmen einen Anbau des Gebäudes. Das Schicksal mehrerer Personen kommt hier zusammen.

Der Sänger Larry (Algee Smith) und sein Kumpel Fred (Jacob Latimore) wollen die Straßenschlachten in einem Motelzimmer in Ruhe aussitzen. Dort lernen sie die jungen weißen Frauen Julie (Hannah Murray) und Karen (Kaitlyn Dever) kennen und statten den Gästen Carl (Jason Mitchell), Aubrey (Nathan Davis Jr.), Michael (Malcolm David Kelley) und Lee (Peyton 'Alex' Smith) einen Besuch ab, bevor sie weiter zum Vietnamveteranen Greene (Anthony Mackie) ziehen, der auf Arbeitssuche nach Detroit gekommen ist. Als die Beamten das Haus stürmen, nimmt ein brutales Verhör unter dem Kommando der ortsansässigen Polizisten Krauss (Will Poulter), Flynn (Ben O'Toole) und Demens (Jack Reynor) seinen Lauf. Während die Bundespolizei und die Nationalgarde nach und nach abziehen, weil die mit der Sache nichts zu tun haben wollen, versucht der ebenfalls herbeigeeilte Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) die Lage zu entschärfen.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Kathryn Bigelow war mit Filmen wie "Near Dark" (1987), "Blue Steel" (1989), "Gefährliche Brandung" (1991) und "Strange Days" (1995) das große Versprechen eines anderen, klügeren Genrekinos. Doch während ihr Exmann James Cameron weiterhin die immer gleiche Genresuppe neu aufkocht, wenn er seinem Publikum denn überhaupt noch einen Film auftischt, hat sich die gebürtige Kalifornierin längst dem politischen Kino zugewandt. In "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" (2008) begleitete sie einen Bombenräumtrupp im Irakkrieg und erhielt dafür den Oscar für den besten Film und als beste Regisseurin. "Zero Dark Thirty" rekonstruierte die ein Jahrzehnt umfassende Jagd nach Osama bin Laden. In ihrem jüngsten Drama verlässt Bigelow die aktuelle politische Bühne und geht zurück ins Jahr 1967. Die Parallelen zur Gegenwart sind gleichwohl offensichtlich.

Mark Boal, der schon die Drehbücher zu Bigelows letzten beiden Filmen schrieb, führt die Figuren souverän zusammen. Die kleinen Episoden, die schließlich in die Konfrontation im Algiers Motel münden, reißen geschickt die Charaktere, deren Umfeld und Antrieb an und vermitteln beiläufig ein Stimmungsbild der Stadt und ihrer Zeit. Boals Könnerschaft liegt in seinem Fokus auf Details. Dann reicht der Griff nach einer Kanne Kaffee, um Melvin Dismukes' (John Boyega) diplomatische Begabung zu verdeutlichen. Und dann hat Boal diesen wunderbaren Einfall für eine Szene hinter und schließlich auf der leeren Bühne des Fox Theatre, die das tragische Schicksal des Sängers Larry Reed (Algee Smith) vorwegnimmt.

Kathryn Bigelow setzt die Ereignisse beinahe dokumentarisch in Szene. Wenn Fernsehbeiträge jener Tage fließend in Spielszenen übergehen, während der Originalkommentar der Nachrichtensprecher noch zu hören ist, verwischen die Grenzen zischen Realität und Inszenierung. Barry Ackroyds Kamera stürzt sich hektisch ins Geschehen und rückt den Figuren furchtbar nah auf die Pelle. Seine unruhigen Bilder imitieren die verwaschenen Farben der alten TV-Sendungen ebenso wie den beobachtenden Modus des Direct Cinema eines D. A. Pennebaker.

Dieses Beobachten aus nächster Nähe macht "Detroit" zu einem schmerzhaften, aber notwendigen Erlebnis. Kathryn Bigelow zwingt ihrem Publikum eine Erfahrungswelt von Rassismus und Polizeigewalt auf, wie sie Afroamerikaner bis heute tagtäglich erleiden. Erlösende Momente gibt es in diesem Szenario (so gut wie) keine. Die Schauspieler, allen voran Algee Smith und Will Poulter machen diese Wlet an beiden Enden des Spektrums spürbar. In ihrem Anspruch auf Vollständigkeit lässt Kathryn Bigelow dem äußerst dichten Nervenkitzel ihres Kammerspiels einen dritten Akt folgen. Dieser veranschaulicht zwar die Tricks, Tücken und Irrwege der Justiz und ordnet dieses singuläre Ereignis in einen großen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang ein, nimmt dem Drama dadurch aber viel von seiner zuvor so grandios auf die Leinwand gebrachten Dynamik.

Fazit: "Detroit" bietet nervenaufreibendes politisches Kino über ein historisches Ereignis, das nichts von seiner Relevanz verloren hat. Kathryn Bigelow inszeniert ihr Drama mit dokumentarischer Präzision, kompromissloser Härte und dank eines herausragenden Ensembles emotional bewegend. Durch seinen Nachklapp ist der Film am Ende aber deutlich zu lang geraten.




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FBW: besonders wertvollDie FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

Dieser Film fesselt und macht zornig. In ihm wird zwar vom Amerika des Jahres 1967 erzählt, aber er ist politisch so aktuell wie nur wenige andere. Im Sommer 1967 kam es [...mehr]

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Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: USA
Jahr: 2017
Genre: Drama
Kinostart: 23.11.2017
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: John Boyega als Dismukes, Will Poulter, Algee Smith als Larry
Verleih: Concorde

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