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Kritik: Detroit (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Kathryn Bigelow war mit Filmen wie "Near Dark" (1987), "Blue Steel" (1989), "Gefährliche Brandung" (1991) und "Strange Days" (1995) das große Versprechen eines anderen, klügeren Genrekinos. Doch während ihr Exmann James Cameron weiterhin die immer gleiche Genresuppe neu aufkocht, wenn er seinem Publikum denn überhaupt noch einen Film auftischt, hat sich die gebürtige Kalifornierin längst dem politischen Kino zugewandt. In "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" (2008) begleitete sie einen Bombenräumtrupp im Irakkrieg und erhielt dafür den Oscar für den besten Film und als beste Regisseurin. "Zero Dark Thirty" rekonstruierte die ein Jahrzehnt umfassende Jagd nach Osama bin Laden. In ihrem jüngsten Drama verlässt Bigelow die aktuelle politische Bühne und geht zurück ins Jahr 1967. Die Parallelen zur Gegenwart sind gleichwohl offensichtlich.

Mark Boal, der schon die Drehbücher zu Bigelows letzten beiden Filmen schrieb, führt die Figuren souverän zusammen. Die kleinen Episoden, die schließlich in die Konfrontation im Algiers Motel münden, reißen geschickt die Charaktere, deren Umfeld und Antrieb an und vermitteln beiläufig ein Stimmungsbild der Stadt und ihrer Zeit. Boals Könnerschaft liegt in seinem Fokus auf Details. Dann reicht der Griff nach einer Kanne Kaffee, um Melvin Dismukes' (John Boyega) diplomatische Begabung zu verdeutlichen. Und dann hat Boal diesen wunderbaren Einfall für eine Szene hinter und schließlich auf der leeren Bühne des Fox Theatre, die das tragische Schicksal des Sängers Larry Reed (Algee Smith) vorwegnimmt.

Kathryn Bigelow setzt die Ereignisse beinahe dokumentarisch in Szene. Wenn Fernsehbeiträge jener Tage fließend in Spielszenen übergehen, während der Originalkommentar der Nachrichtensprecher noch zu hören ist, verwischen die Grenzen zischen Realität und Inszenierung. Barry Ackroyds Kamera stürzt sich hektisch ins Geschehen und rückt den Figuren furchtbar nah auf die Pelle. Seine unruhigen Bilder imitieren die verwaschenen Farben der alten TV-Sendungen ebenso wie den beobachtenden Modus des Direct Cinema eines D. A. Pennebaker.

Dieses Beobachten aus nächster Nähe macht "Detroit" zu einem schmerzhaften, aber notwendigen Erlebnis. Kathryn Bigelow zwingt ihrem Publikum eine Erfahrungswelt von Rassismus und Polizeigewalt auf, wie sie Afroamerikaner bis heute tagtäglich erleiden. Erlösende Momente gibt es in diesem Szenario (so gut wie) keine. Die Schauspieler, allen voran Algee Smith und Will Poulter machen diese Wlet an beiden Enden des Spektrums spürbar. In ihrem Anspruch auf Vollständigkeit lässt Kathryn Bigelow dem äußerst dichten Nervenkitzel ihres Kammerspiels einen dritten Akt folgen. Dieser veranschaulicht zwar die Tricks, Tücken und Irrwege der Justiz und ordnet dieses singuläre Ereignis in einen großen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang ein, nimmt dem Drama dadurch aber viel von seiner zuvor so grandios auf die Leinwand gebrachten Dynamik.

Fazit: "Detroit" bietet nervenaufreibendes politisches Kino über ein historisches Ereignis, das nichts von seiner Relevanz verloren hat. Kathryn Bigelow inszeniert ihr Drama mit dokumentarischer Präzision, kompromissloser Härte und dank eines herausragenden Ensembles emotional bewegend. Durch seinen Nachklapp ist der Film am Ende aber deutlich zu lang geraten.





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