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Mother!
Mother!
© Paramount Pictures Germany

Kritik: Mother! (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Filmkunst oder Müll? Eine Frage, die sich nach der Sichtung von Darren Aronofskys "mother!" aufdrängt, aber auch mit etwas Abstand nur schwer zu beantworten ist. Dass es der neue Streich des New Yorker Filmemachers in sich hat, zeichnete sich schon im Anschluss an die Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig ab, wo es zahlreiche Buhrufe hagelte. Während einige Kritiker das Werk als herausfordernde Seherfahrung lobten, ließen andere kein gutes Haar an Arononfskys Eskalationsgeschichte, die gerade im letzten Drittel mit einigen gezielten Tabubrüchen operiert und den Zuschauer gehörig vor den Kopf stößt. Manche Geschmacklosigkeit ist sicher ungeheuerlich. Bewundern kann man aber ebenso den Mut des Regisseurs, Erzähl- und Genregrenzen konsequent zu sprengen und den Betrachter brachial zu überraschen. Für und Wider halten sich auf seltsam faszinierende Weise in der Waage, was "mother!" auf jeden Fall zu einem Film macht, den man nicht so schnell vergisst.

Die große Aufregung, die das Finale provoziert, ist am Anfang noch in weiter Ferne, wenn wir eine junge namenlose Frau (Jennifer Lawrence) und ihren älteren Gatten (Javier Bardem) kennenlernen, die ein abgeschiedenes Anwesen bewohnen, das vor einiger Zeit durch einen verheerenden Brand schwer beschädigt wurde. Sie kümmert sich mit großer Hingabe um die Renovierung und Verschönerung des Hauses, während ihr Mann, ein gefeierter Dichter, etwas halbherzig versucht, seine Schreibblockade zu überwinden. Eines Tages steht plötzlich ein Fremder (Ed Harris) vor der Tür, den der Schriftsteller zur Verwunderung seiner Liebsten bedenkenlos hereinbittet und zum Bleiben einlädt. Als am nächsten Morgen die Ehefrau des Unbekannten (Michelle Pfeiffer) auftaucht, nimmt die Verunsicherung der überraschten Gastgeberin weiter zu, da die Besucherin sie mit intimen, unverschämten Fragen konfrontiert und sich benimmt, als befände sie sich in ihrem eigenen Reich. Nach dem Erscheinen ihrer beiden Söhne (Brian Gleeson und Domhnall Gleeson) kommt es schließlich zu einer ersten Katastrophe.

Aronofsky beginnt seinen neuen Film, der vom Verleih behelfsmäßig als fesselnder Psychothriller beworben wird, mit einem Home-Invasion-Szenario, wobei man nur mit Abstrichen von einem unerlaubten Eindringen in den privaten Raum sprechen kann. Die von Lawrence gespielte Frau, die in den Credits lediglich als "Mutter" bzw. "Mother" firmiert, empfindet die Anwesenheit und das übergriffige Verhalten der unbekannten Gäste als bedrohlich. Ihr Mann hingegen öffnet bereitwillig Tür und Tor und scheint die Abwechslung regelrecht zu genießen, zumal sich der Fremde als sein größter Fan zu erkennen gibt. Schon hier zeigt sich, dass der eigenwillige Regisseur und Drehbuchautor bekannte Muster aufgreift und in die Geschichte des Horror- und Spannungskinos eintaucht – Erinnerungen werden etwa wach an die Stephen-King-Verfilmungen "Shining" und "Misery", später auch an Roman Polanskis "Rosemaries Baby". Gleichwohl ist Aronofsky nicht interessiert an klassischem Nervenkitzel, sondern beschwört ein irritierend-absurdes Klima herauf, das einige Lacher produziert. Amüsant ist vor allem das charismatische Spiel von Michelle Pfeiffer, deren Figur die Gastgeberin zunehmend aus dem Gleichgewicht bringt.

Durch die Augen der Lawrence-Protagonistin, die die Kamera häufig aus nächster Nähe einfängt, blicken wir auf ein Geschehen, das immer entrückter und undurchschaubarer erscheint. Was hier gespielt wird, fragt sich nicht nur die junge, von Schwindelattacken heimgesuchte Frau. Auch der Zuschauer ist bemüht, sich einen Reim auf die grotesker werdenden Ereignisse zu machen. Vorbereitet wird man trotz einiger absurder Eskalationen und merkwürdiger Verhaltensweisen aber nicht auf den zügellosen Wahnsinn, den "mother!" auf der Zielgeraden entfesselt. Trashige Schockeffekte und derbe Exzesse heizen die hysterische Stimmung an und dürften nicht wenigen Betrachtern in alle Glieder fahren. Die Provokationen wirken mitunter arg forciert, lösen allerdings einen Grad der Verstörung aus, den stargespickte, von einem großen Hollywood-Studio verliehene Filme nur äußerst selten hervorrufen. Wie genau die bizarre, zuweilen mit plakativer Symbolik arbeitende Beziehungsgeschichte zu deuten ist, überlässt Aronofsky seinem Publikum, bietet allerdings mehrere Interpretationsmöglichkeiten an. Das Verhältnis von Mann und Frau spielt eine große Rolle. Das Geben und Nehmen in einer Partnerschaft. Ebenso wie das kreative Schaffen eines Künstlers. Unübersehbar sind jedoch auch die biblischen Bezüge, die sich, einem roten Faden gleich, durch das ausufernde Treiben ziehen.

Fazit: Über den anspielungsreichen, garstigen Beziehungsschocker "mother!" lässt sich herrlich streiten. Bemerkenswert ist aber in jedem Fall die Kompromisslosigkeit, mit der Darren Aronofsky hier zu Werke geht.




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