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Kritik: Das Leuchten der Erinnerung (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der erste englischsprachige Film des italienischen Regisseurs Paolo Virzì ("Die Überglücklichen") ist ein Roadmovie, das auf dem gleichnamigen Roman von Michael Zadoorian basiert. Mit ihm begibt sich Virzì auf eine nostalgische Suche nach dem amerikanischen Geist von Freiheit und Abenteuer und porträtiert zugleich sehr stimmig ein altes Ehepaar, das seinem Schicksal noch ein letztes Schnippchen schlagen will. Donald Sutherland und Helen Mirren spielen dieses Paar, das zwischen Liebe und häufigen Differenzen hin- und herpendelt, berührend und sehr glaubhaft. Dabei fällt an Virzìs Roadmovie auch stets der Realismus auf, der lieber zu wenig als zu viel Drama und pralle Emotionen präsentiert.

Die Fahrt von Ella und John im alten Wohnmobil Richtung Süden wirkt manchmal so normal, oder gar banal, wie eine x-beliebige Urlaubsreise aus dem realen Leben. Sie hören im Auto die Rock'n'Roll-Musik der 1970er, singen mit bei Janis Joplins "Me and Bobby McGee", steuern abends einen Campingplatz an, sitzen unter freiem Himmel und schauen sich die alten Dias an aus der Zeit, als sie jung und die Kinder noch klein waren. Diese so selbstverständlich anmutende Unternehmung aber ist von der energischen Ella hart erkämpft. Ihre Kinder hätten die Reise verhindern wollen, und unterwegs soll auch niemand merken, dass John Alzheimer hat und trotzdem am Steuer sitzt. Ella und John tun gut daran, der Gesellschaft zu misstrauen.

Ella sträubt sich vehement dagegen, Johns Demenz zu akzeptieren, und er fühlt sich schuldig, wenn seine Vergesslichkeit sie so verärgert. Donald Sutherland spielt den charmanten Schöngeist, den verschusselten Luftikus und den Mann, der weiß, wie sehr er mittlerweile auf seine geliebte Frau angewiesen ist, in fließendem Wechsel. Helen Mirren gibt Ella eine gute Portion Aggressivität und Frustriertheit, hinter der sich aber nur wieder die Liebe zu John zurückmeldet.

Virzì scheint eine Schwäche für Brücken zu haben, jedenfalls fährt das Wohnmobil auffallend oft über welche. Statt nach spektakulären Postkartenmotiven sieht sich der Film unterwegs aber lieber nach Gegenwartsphänomenen um. So schließt sich John spontan einer Wahl-Kundgebung von Trump-Anhängern an, bis Ella ihn wieder wegzieht, weil ihr John, der frühere, da nicht hingehört. Mirren und Sutherland geben diesem Paar, das sich gegen den drohenden Autonomieverlust aufbäumt, eine wunderbar tröstliche Strahlkraft.

Fazit: Paolo Virzìs amerikanisches Roadmovie huldigt dem genretypischen Geist von Freiheit und Rebellion aus der Perspektive eines alten Ehepaars, das dem Krankenhaus, der Pflegebedürftigkeit und drohenden Trennung mal eben davonläuft. Realitätsnah und bewegend schildert der Film, wie das Paar, das von Helen Mirren und Donald Sutherland hervorragend gespielt wird, mit der Demenz des Mannes hadert und die Krise gemeinsam zu meistern versucht. Dabei beeindruckt vor allem der genaue Blick sowohl auf die Probleme, als auch auf die Stärken des Paares.




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