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Call Me by Your Name
Call Me by Your Name
© Sony Pictures

Kritik: Call Me by Your Name (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Bereits in "A Bigger Splash" (2015), einem losen Remake von Jacques Derays "Der Swimmingpool" (1969), fing Luca Guadagnino die Verführungen eines heißen Sommers in flirrenden Bildern ein. Statt um eine verflossene Liebe im Musikgeschäft geht es dieses Mal um eine erste Liebe in einem kunstbeflissenen Umfeld. Noch stärker als im Vorgängerfilm stellt der Regisseur die Körper in den Mittelpunkt. Schon der Vorspann zeigt Fotografien antiker Statuen, das Betätigungsfeld Professor Perlmans (Michael Stuhlbarg), deren Statur die beiden Hauptdarsteller spiegeln. Während sich der alternde Archäologe eher zugeknöpft gibt, tragen dessen Sohn Elio (Timothée Chalamet) und Gaststudent Oliver (Armie Hammer) in der Hitze Oberitaliens ihre Hemden meist offen, sofern sie überhaupt welche anhaben.

"Call Me by Your Name" beruht auf André Acimans gleichnamigem Roman, der die Beziehung zwischen dem 17-jährigen Elio und dem 24-jährigen Oliver über zwei Jahrzehnte aus Elios Rückschau schildert. Guadagnino beschränkt sich hingegen, abseits eines knappen Epilogs, auf sechs kurze Wochen, in denen sich Elio und Oliver näherkommen. Dabei lässt er seinen Charakteren jede Menge Zeit, erhebt die Verschwendung zum Filmprinzip. Mahlzeiten im Freien, Gespräche über Gott und die Welt, Fahrradfahrten, Nachmittagsschläfchen und Ausflüge ins kühle Nass – all das bringt der Regisseur mit einer solchen Lebenslust und Ruhe auf die Leinwand, das sich die erzählte Zeit zu einem jener Sommer dehnt, die endlos erscheinen.

Wo "Call Me by Your Name" 2017 bereits zu sehen war, unter anderem beim Sundance Filmfestival und der Berlinale, wurde er begeistert aufgenommen. Das liegt nicht zuletzt an Luca Guadagninos Ansatz, das Geschlecht seiner beiden Hauptdarsteller nicht weiter zu thematisieren. Zwar lebt keiner seine Homosexualität offen, zumal Elio sie gerade erst entdeckt, doch stoßen die beiden sowohl bei Elios liberalen Eltern wie bei der in Elio verliebten Marzia (Esther Garrel) auf Verständnis. Während viele Filme über homosexuelle Liebe auch im 21. Jahrhundert Coming-out-Filme sind, die äußere Ablehnung und innere Zweifel in den Vordergrund rücken, dürfen die Liebenden bei Guadagnino einfach Liebende sein. Elios Angst ist keine vor der Reaktion seines Umfelds, sondern die Angst eines jeden Verliebten vor der Reaktion seines Gegenübers. So selbstsicher sich der 17-Jährige auch gibt, so unsicher ist er, ob Oliver denn dasselbe für ihn empfindet.

Der für einen Oscar nominierte Timothée Chalamet spielt diese Mischung aus jugendlichem Übermut und Unsicherheit, aus Verlangen und Scham ganz wunderbar. Es ist ein zögerndes Abtasten, ein zaghaftes Annähern, bei dem sich zunächst keine der Hauptfiguren aus der Deckung traut. Als verständnisvoller Vater, der seinem Sohn rät, seine Gefühle zuzulassen und Erfahrungen zu wagen, bevor es zu spät sei, liefert Michael Stuhlbarg ein weiteres Mal in seiner Karriere eine feinfühlige, zutiefst nuancierte Leistung ab. Armie Hammer hingegen ist keine Idealbesetzung. Zwar überzeugt auch er als nonchalanter Lebemann, ist für seine Rolle allerdings deutlich zu alt. Wer sich daran nicht stört, wird mit einem leichtfüßig inszenierten Film über eine bewegende Sommerliebe belohnt.

Fazit: Ein Jahr nach seiner Deutschlandpremiere bei der Berlinale kommt Luca Guadagninos Kritikerliebling "Call Me by Your Name" in die Kinos. Sein Film erzählt leichtfüßig und mit verschwenderischem Erzähltempo von der Sommerliebe zweier junger Männer. Während Armie Hammer nicht die Idealbesetzung ist, glänzt Timothée Chalamet durch sein facettenreiches Spiel, das mal erheitert, mal zu Tränen rührt. Die Stimmung eines traumhaften Sommers und all die Hochgefühle und Niedergeschlagenheit einer ersten Liebe fängt "Call Me by Your Name" wunderbar ein.




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