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Freiheit
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© Film Kino Text © Die FILMAgentinnen

Kritik: Freiheit (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

In seinem zweiten Spielfilm lotet Regisseur Jan Speckenbach unser Verständnis von Freiheit und Unfreiheit aus. Im Grunde ein spannender Ansatz, schließlich sind die Grenzen fließend. Und dass eine Mutter und nicht etwa der Vater die Familie ohne ein klärendes Wort verlässt, ist auch heute, beinahe 140 Jahre nach Henrik Ibsens Theaterstück "Nora oder Ein Puppenheim", mit der Speckenbachs Hauptfigur Vornamen und Vorgehen teilt, für viele noch eine unerhörte Tat. Aus diesem Ansatz macht der Regisseur allerdings viel zu wenig.

Am interessantesten scheint noch die Dramaturgie. Das Drehbuch, für das neben Speckenbach Andreas Deinert verantwortlich zeichnet, wirft uns unvermittelt ins Geschehen. Wir folgen Nora (Johanna Wokalek) durch Wien, erst ins Museum, dann in den Bus, schließlich ins Bett eines jungen Mannes, bevor sie per Anhalter nach Bratislava fährt. Noras Handlungsstrang stellt das Skript Philips an die Seite. Zwischen diesen beiden, zwischen Berlin und Bratislava, geht es dann eine Weile hin und her. Kurz vor Schluss rekapituliert eine Rückblende schließlich den Abend vor dem heimlichen Abschied.

"Freiheit" ist voller Anspielungen. Speckenbach zitiert die griechische Mythologie und Pieter Bruegels Gemälde vom "Turmbau zu Babel". Bei dessen Anblick hat es wohl auch dem Regisseur die Sprache verwirrt, denn eine klare findet er nie. Mal gibt sich "Freiheit" bedeutungsoffen und vage, dann wieder erklärt das Drama das Offensichtliche bis ins kleinste Detail. Das titelgebende Thema schneidet der Film auch abseits der Suche seiner Hauptfigur an, verfolgt es dann aber nicht weiter; nicht zuletzt, weil er sich für seine klischierten Nebenfiguren nicht interessiert.

Wenn Nora an einer Stelle Friedrich Rückerts Gedicht "Ich bin der Welt abhanden gekommen" aufsagt, ist dem Regisseur längst seine Figur abhandengekommen. Johanna Wokalek, die anfangs nur wenige Blicke und Sätze benötigt, um uns die Verlorenheit, Ziellosigkeit und Getriebenheit ihres Charakters glaubhaft zu vermitteln, geistert da bereits mit dem immer gleichen, einfallslosen Gesicht durch diesen ziellosen Film.

Die Ziellosigkeit selbst ist nicht das Problem, sondern deren Vermittlung. Es gibt grandiose Filme, deren Handlungen ziellos ihren Enden entgegentreiben. "Freiheit" zählt nicht dazu. Das größte Manko ist der bedeutungsschwangere Überbau, den Speckenbach nie bedeutend zu füllen vermag – weder inhaltlich noch visuell. Das Schauspiel bleibt bemüht, die Handlung allzu konstruiert, die Figuren uninteressant und die Bilder trotz reichlich nackter Haut seltsam reizlos. Nora ist ständig in Bewegung, der Film kommt nicht voran.

Fazit: "Freiheit" ist ein Drama, das an seinem eigenen Anspruch scheitert. Regisseur und Drehbuchautor Jan Speckenbach vermag seinen bedeutungsschwangeren Überbau nie mit Bedeutung zu füllen. Johanna Wokalek überzeugt in der Hauptrolle nur zu Beginn, kann gegen die schlecht geschriebenen Nebenfiguren und die allzu konstruierte, zutiefst langweilende Handlung letztlich nichts ausrichten.





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