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Loveless
Loveless
© Alpenrepublik GmbH Filmverleih © Wild Bunch

Kritik: Loveless (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieses Drama des russischen Regisseurs Andrey Zvyagintsev ("Leviathan") bekam auf dem Filmfestival in Cannes 2017 den Preis der Jury. Es ist eine flammende Anklage gegen den Egoismus und die Gefühlskälte, die sich in der mit dem sozialen Aufstieg beschäftigten mittleren Generation Russlands breitmachen. Zhenya, die in einem Kosmetiksalon arbeitet, und der Angestellte Boris haben für den Sohn Alyosha nie viel Aufmerksamkeit übriggehabt. Und jetzt, während der hasserfüllten Trennung, sind sie erst recht nur mit sich selbst beschäftigt. Alyosha ist es wohl eine Weile gelungen, sich an die Idee eines Zuhauses zu klammern, aber das heimlich mitgehörte Gespräch seiner Eltern offenbart ihm, dass er nicht länger gewollt ist. Alyosha verschwindet. Erst dann erinnern sich die Eltern wieder an ihn.

Das Drama, das in Moskau bei Wintereinbruch spielt, entwickelt einen starken emotionalen Sog. Es regiert eine bedrückende Hoffnungslosigkeit. Der Leiter der Hilfsorganisation, die Alyosha sucht, drängt zur Eile, weil die Nächte frostig sind. Die Eltern werfen sich weiterhin Gehässigkeiten an den Kopf und ein Besuch bei Zhenyas Mutter auf dem Land, wohin sich Alyosha vielleicht hätte flüchten können, verläuft desillusionierend. Die Großmutter hat ihre aus der Sowjetzeit stammende Gefühlskälte an ihre Tochter vererbt. Je länger die Suche dauert, desto mehr zeigen Zhenya und Boris aber auch Anteilnahme, sie empfinden sich sogar vielleicht zum ersten Mal als Eltern. Manchmal erkennt man in diesen zwei Personen, die ihre Menschlichkeit so tief in sich vergraben hatten, eine Fehlbarkeit, ein Versagen, das gesellschaftsübergreifend ist. Wie viele berufstätige Eltern vernachlässigen ihre Kinder, hören ihnen zu wenig zu, spielen lieber mit ihrem Smartphone? Der Prozess hin zur emotionalen Verwahrlosung kann schleichend sein. Die soziale Anklage in diesem Film hat eine Wucht, die wachrütteln will.

Aber gerade diese Wucht verträgt sich nur bedingt mit dem Realismus, den der Film behauptet. Zvyagintsev vertraut, anders als die scheinbar so nüchterne neue rumänische Welle, nicht auf Beobachtung, sondern impft den Bildern immer wieder Empörung ein. Warum zum Beispiel sollte Alyosha so schockiert, mit stillen Weinkrämpfen auf den elterlichen Streit reagieren, wenn er doch das Klima der Lieblosigkeit gewöhnt ist? Die Erschütterung wird hier mit dem Holzhammer verabreicht.

Fazit: Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev klagt in diesem wuchtigen, bedrückenden Drama die emotionale Kälte an, die den Zusammenhalt in Familien der mittleren Generation bedroht. Wie so viele wollen sich auch die Eltern eines zwölfjährigen Jungen scheiden lassen, aber sie planen in ihrem neuen Leben keinen Platz für ihn ein. Indem der Junge dann tatsächlich verschwindet und als vermisst gemeldet wird, kommen die Defizite in diesem Beziehungsgefüge geballt ans Tageslicht. Die Geschichte wirkt erschütternd, aber zuweilen untergräbt der moralische Eifer des Regisseurs ihr realistisches Fundament.





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