oder
Meine Tochter - Figlia Mia
Meine Tochter - Figlia Mia
© Real Fiction

Kritik: Meine Tochter - Figlia Mia (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Menschen dächten, sie seien kompliziert und die Natur sei einfach, sagt Umberto (Michele Carboni) in einem der wenigen intimen Momente, die ihm Laura Bispuri in ihrem jüngstem Drama mit seiner Filmtochter Vittoria (Sara Casu) gewährt. Dabei sei es manchmal umgekehrt. Vater und Tochter unterhalten sich am Strand, während sie einen zuvor gefangenen, schwangeren Aal wieder dem Meer übergeben. Vittoria weiß, dass dessen Kinder einst dahin zurückschwimmen werden, wo die Mutter herkam. Genau wie ein unsichtbares Band Vittoria, ohne dass sie von ihrer leiblichen Mutter Angelica (Alba Rohrwacher) weiß, zu dieser zurückzieht.

Auch in ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm erforscht Laura Bispuri Formen der Weiblichkeit und was es bedeutet, ein Mädchen, eine Frau, eine Tochter und eine Mutter zu sein. Obwohl sich der Titel auch auf Umberto bezieht, ist der Vater, sind allgemein die Männer auffällig abwesend. Mehr als lüsterne Trunkenbolde, wortkarge Arbeiter oder einen dubiosen Pferdehändler (Udo Kier) geben sie in Bispuris und Francesca Manieris Drehbuch nicht her. "Meine Tochter – Figlia Mia" gehört ganz den Frauen, zwei Müttern in ihrem verzweifelten Ringen um die Tochter und einer bald Zehnjährigen auf ihrer verzweifelten Suche nach Identität, Orientierung und Halt.

Kameramann Vladan Radovic rückt nah an die Figuren heran, begleitet vor allem die kleine Vittoria mit behändem Schritt über die Insel. Der gebürtige Bosnier, der nach seinem Schulabschluss nach Italien zog, kleidete bereits Albaniens Gebirgs- und Mailands Stadtlandschaft in Bispuris Erstling "Sworn Virgin" (2015) in kühle Eleganz und ließ das nächtliche Rom in Sydney Sibilias "Morgen ist Schluss"-Trilogie (2014-2017) im Neon leuchten. Sardinien erstrahlt bei ihm stets sonnendurchflutet. Die engen Behausungen und die Dorfkneipe fängt er hingegen dunkel und diesig ein.

Radovics stimmungsvolle Bilder lädt Bispuri mit viel Symbolik auf. Abseits des schwangeren Aals gibt es Pferde, die für Angelicas und Vittorias ungestümes Temperament stehen und gerade noch einmal der Schlachtbank entgehen, sowie eine Fußwaschung, mit der die Tochter ihre Mutter quasi in die Dorfgemeinschaft zurückholt. Das aneinander Abarbeiten der drei weiblichen Figuren kommt nicht ohne gegenseitige Verletzungen, Erniedrigungen und Kurzschlussreaktionen aus. Während das Verhalten der Erwachsenen noch nachvollziehbar ist, wirkt Vittorias Figur, so bravourös Sara Casu dagegen auch ankämpft, an (zu) vielen Stellen der Dramaturgie geopfert. Auch fehlt etwas die Dringlichkeit. Das ist schade, da es Laura Bispuri auch dieses Mal gelingt, vorurteilsfrei von facettenreichen Frauen zu erzählen.

Fazit: Laura Bispuris zweiter abendfüllender Spielfilm ist ein toll fotografiertes Familiendrama mit drei starken Frauenfiguren. An einigen Stellen gehen "Meine Tochter – Figlia Mia" allerdings die Glaubwürdigkeit und die Dringlichkeit ab.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.