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Kritik: Deutschstunde (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In seinem 1968 erschienenen Roman befasste sich Siegfried Lenz mit einem der zentralen Themen der deutschen Nachkriegsliteratur: Der Vermengung von Schuld und Pflicht, von bewusster Verfehlung und Verantwortung während der Zeit NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs. Für die Figur des Malers Nansen diente Lenz der expressionistische Künstler Emil Nolde als Vorbild. Obwohl seine Werke als entartet eingestuft wurden, war Nolde überzeugter Judenhasser, Hitler-Bewunderer und Rassist. Ein expressionistischer Maler, der während der Nazi-Diktatur aufbegehrt und sich für den inneren Widerstand entscheidet. Ihm gegenüber steht ein pflichtversessener Dorfpolizist, der als linientreuer NS-Sympathisant das Berufsverbot gegen den Künstler durchsetzt. Und Mittendrin: ein Junge, der in einen aufreibenden Interessenskonflikt gerät.

Ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung des Lenz-Meisterwerks wagt sich Regisseur Christian Schwochow an die filmische Bearbeitung des Stoffs. Und schafft ein nachdrückliches, tiefgehendes Werk, das sich von vielen Filmen mit gleicher (Grund-)Thematik (Familie, Zweiter Weltkrieg, Mitläufertum, auf unterschiedliche politische Überzeugungen zurückgehender Interessenskonflikt) klar unterscheidet.

Das erkennt man schon daran, dass Themen wie die Judenvernichtung und andere deutsche Gräueltaten, Hitlers Angriffskrieg oder die NS-Propagandamaschinerie im Film keine Erwähnung finden. Für Schwochow und seine Erzählung ist dies alles irrrelevant. Das führt dazu, dass der Film weit weniger politisch und anklagend erscheint als es bei anderen Filmen mit ähnlichem Inhalt der Fall ist. Denn den Regisseur interessiert vor allem eine (moralische) Frage: jene nach persönlicher Schuld und individueller Verantwortung.

Dafür lotete er die fragile Beziehung zwischen dem rebellischen Künstler und dem mutigen Jungen, der sowohl von Gronau als auch von Eisenblätter mit Willens- und beachtlicher Ausdruckskraft verkörpert wird, akkurat aus. Schwochow verzichtet dafür auf allzu trockene, störende Hintergrundinfos, historische Fakten, Einordnungen sowie unnötige Rahmenhandlungen. Hinzu kommen authentische Kulissen, detailgetreue Requisiten sowie mit dem Nordseedorf ein atmosphärischer, visuell beeindruckender Handlungsort, der den Zuschauer glaubhaft in die Zeit zurückversetzt.

Fazit: Unpolitische Vergangenheitsbewältigung: Christian Schwochows Adaption von Siegfried Lenz‘"Deutschstunde" ist ein konzentriert erzähltes, nur in Ansätzen politisches Drama mit großartigen Darstellern und einem dringlichen Aufruf zu eigenverantwortlichem Handeln, das den persönlichen Idealen verpflichtet ist.




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