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Der Goldene Handschuh
Der Goldene Handschuh
© Warner Bros.

Kritik: Der Goldene Handschuh (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

"Der goldene Handschuh" ist eine Adaption des gleichnamigen, 2016 veröffentlichten Romans von Heinz Strunk, in welchem das Leben des in Leipzig geborenen und später in Hamburg wohnenden Serienmörders Fritz Honka geschildert wird. Der Alkoholiker tötete in den 1970er Jahren vier Frauen, die alle im fortgeschrittenen Alter waren und sich bei Gelegenheit prostituiert hatten. Der ebenfalls in der Hansestadt lebende Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Fatih Akin ("Gegen die Wand", "Aus dem Nichts") setzt Strunks Werk mit der interessanten und achtbaren Intention um, die darin beschriebene Gewalt nicht – wie sonst oft im Horror-Genre – in einem finster-glamourösen Licht erscheinen zu lassen, sondern das Grausame, Hässliche und Ekelhafte dieser Taten gnadenlos zu offenbaren. Und so wird etwa Honkas Dachgeschosswohnung, in welcher der Mann etliche Leichenteile versteckt hielt, mit ihren schimmelig-vergilbten Tapeten und der schäbigen Einrichtung in all ihrer Geschmacklosigkeit eingefangen – und dem Töten von Menschen haftet nichts Spannend-Unterhaltsames, sondern etwas durchweg Unangenehmes an.

Bedauerlicherweise trifft Akin in anderen Bereichen, vor allem in der Dramaturgie und in der Schauspielführung, weniger gute Entscheidungen. Sein Film will – wie der Roman – zugleich ein Porträt des Hamburger Kneipen-Milieus im Umfeld der Reeperbahn sein; die Gäste der titelgebenden Absturzkneipe werden als Charaktere mit Spitznamen vorgestellt. Auf eine extrem plumpe Weise legen das Skript und die Inszenierung jedoch nahe, dass Honkas übermäßiger Alkoholkonsum der Hauptgrund für die begangenen Morde ist. Nicht minder schwach und unnötig ist etwa die Visualisierung einer sexuellen Fantasie Honkas von einer Metzgerin im Pin-up-Look. Hier arbeitet Akin mit albernen Klischees, die er an anderer Stelle so gekonnt vermeidet.

Der 1996 geborene Theater- und Filmschauspieler Jonas Dassler ("LOMO – The Language of Many Others", "Das schweigende Klassenzimmer") hat sein Talent zwar schon viele Male bewiesen; hier verkommt seine Rolleninterpretation indes zur Karikatur. Zu keinem Zeitpunkt glaubt man, auf der Leinwand einen echten Menschen zu erblicken; stets sieht man nur einen spürbar bemühten Mimen, der maskenbildnerisch noch deutlich mehr als das reale Vorbild entstellt und damit in einen noch abstoßenderen, an den Glöckner von Notre-Dame erinnernden Zustand gebracht wurde. Dies ist ein billiger Trick, gegen den auch die teilweise überzeugenden Co-Stars, insbesondere die gewohnt furchtlose Margarete Tiesel ("Paradies: Liebe") und die beeindruckende Martina Eitner-Acheampong ("Stromberg"), wenig ausrichten können. Alle Szenen mit der Hauptfigur bleiben schlechte Maskerade. Die Entscheidung, aus einem Serienmörder keine faszinierende Gestalt zu machen, die sich als Anti-Held glorifizieren lässt, ist absolut richtig; ihn stattdessen als Spottbild in Szene zu setzen, ist allerdings leider ebenso kein sinnvoll erscheinender Weg.

Fazit: Der bemerkenswerte Ansatz von Fatih Akin, Gewalt nicht ästhetisieren zu wollen, wird von einer karikaturesken Darstellung des Mörders und einigen plumpen Drehbuch- und Regie-Einfällen unterlaufen.




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