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Kritik: Can You Ever Forgive Me? (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der Spielfilm der Regisseurin Marielle Heller ("The Diary of a Teenage Girl") basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Buch der New Yorker Schriftstellerin Lee Israel. Die verarmte Frau entdeckte Anfang der 1990er Jahre eine lukrative Einnahmequelle, indem sie Briefe von Berühmtheiten wie Dorothy Parker, Noël Coward, Marlene Dietrich fälschte. Um die 400 solcher bei Sammlern und Wissenschaftlern begehrten Briefe verkaufte Israel, zwei davon fanden gar als vermeintliche Originaldokumente Eingang in eine Biografie über Noël Coward. Heller und die Drehbuchautoren Nicole Holofcener und Jeff Whitty porträtieren diese talentierte, intelligente Frau, die auf die schiefe Bahn geriet, in einem berührenden Drama mit bitter-humorvollen Tönen. Die bislang auf Komödien spezialisierte Hauptdarstellerin Melissa McCarthy spielt diese ernste Rolle sehr eindrucksvoll.

Als Schriftstellerin mag Lee keinen Erfolg mehr haben, aber sie kann sich wunderbar in die Gefühls- und Gedankenwelt anderer Künstler hineinversetzen. Nur weiß sie diese Fähigkeit nicht auf legale Weise zu nutzen. Das Leben hat die Einzelgängerin zur Trinkerin gemacht, reizbar und mürrisch werden lassen. Die Stadt zeigt ihr zunächst die kalte Schulter, ob nun in Gestalt ihrer Agentin, des Hausverwalters, der Tierarzthelferin, des antiquarischen Händlers, dem sie ihre alten Bücher verkaufen will. Und dann, mit der krummen Geschäftsidee, blüht Lee plötzlich auf. Da gibt es diesen Jack, der in ihr Leben tritt und mit weit ausholender Geste Optimismus und Lockerheit verbreitet. Auch Jack ist in New York ein Gestrauchelter und auch er hat Humor und Biss. Ein Paar werden sie nicht, denn Lee ist lesbisch und er schwul, außerdem sind sie vom Wesen her auch nicht wirklich kompatibel. Vielversprechender erscheint der Kontakt, der sich zwischen Lee und der Buchhändlerin Anna (Dolly Wells) anbahnt. Einer der bewegendsten Filmmomente entsteht, wenn Lee das Freundschaftsangebot gewohnt sarkastisch abschmettert und ihr dabei bewusst wird, wie wenig Hoffnungen sie sich erlaubt.

Melissa McCarthy spielt diese Lee Israel ungeheuer glaubwürdig. Sie ist unsympathisch und macht es einem dennoch so leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Der Film zeigt mit ihr und mit Jack auch eine unglamouröse Seite von New York. Mitten im nebligen Winter strahlt die Stadt auf den Wegen dieser getriebenen Charaktere eine schräge Kiezheimeligkeit aus. Man fiebert berührt mit Lee mit, die von ihrem selbstgebauten Karussell nicht mehr abspringen kann.

Fazit: Melissa McCarthy brilliert in dieser ernsten Rolle einer alternden New Yorkerin, die aus finanzieller Not zur Betrügerin wird. Sie verkauft Briefe von berühmten Künstlern, die sie gefälscht hat. Regisseurin Marielle Heller verfilmt in diesem bewegenden Drama die Lebensbeichte der Schriftstellerin Lee Israel. Auf klischeefreie Weise zeigt der Film Charaktere, die im Kino selten zu sehen sind und im Trubel der Stadt leicht übersehen werden – obwohl sie viel über das Leben zu sagen haben.




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