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Cold War   Der Breitengrad der Liebe
Cold War Der Breitengrad der Liebe
© Neue Visionen

Kritik: Cold War - Der Breitengrad der Liebe (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Paweł Pawlikowski, so scheint es, ist auf dem Höhepunkt seines Könnens angelangt. 2013 brachte er "Ida" in die Kinos. Die vielfach preisgekrönte Hommage an das von der französischen Nouvelle Vague beeinflusste polnische Nachkriegskino erhielt 2015 den Auslandsoscar. Mit dem in Cannes für die beste Regie prämierten "Cold War", der 2019 für Polen ins Oscarrennen geht, liefert der Regisseur das nächste kleine Meisterwerk ab. Er hat es erneut in Schwarz-Weiß und im schmalen 1:1.33-Format gedreht. Abermals keine 90 Minuten lang und unbeschreiblich intensiv ist "Cold War" doch ganz anders.

Das Drama erzählt von zwei Liebenden, die nicht ohne einander, aber auch nicht miteinander leben können. Wie die verfeindeten politischen Blöcke, auf die der Filmtitel anspielt, liegen auch Zula (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot) beständig im Clinch. Sie belauern und belagern sich: eine heiße Liebe im Kalten Krieg. Pawlikowski inszeniert ihre verhängnisvolle Beziehung elliptisch, als flüchtige Begegnungen und längere Liaisons quer über den Kontinent. Die Stimmung zwischen brüchigen Bauten und verrauchten Bars ist förmlich greifbar und von Kameramann Łukasz Żal atemberaubend eingefangen. Zulas und Wiktors bedingungslose, ungesunde Liebe schnürt einem beim Zusehen förmlich die Luft ab.

Jede Einstellung gleicht einer perfekten Schwarz-Weiß-Fotografie, einem (vermeintlichen) Schnappschuss eines Robert Doisneau oder Elliott Erwitt, den man sich zu Hause gerahmt an die Wand hängen könnte. Im Gegensatz zu "Ida" haben Żals Bilder dieses Mal viel mehr Plastizität. Kuligs und Kots markante Gesichtszüge sind für die Aufnahmen wie geschaffen. Ihr Spiel bedarf nur weniger Worte. Pawlikowski vermittelt einen Gutteil seiner Geschichte nur über Blicke.

Die wahren tearjerker, jene Momente, die auf die Tränendrüse drücken, sind aber die von Marcin Maseckis arrangierten Songs rund um das variierte Titelstück "Dwa serduska" ("Zwei Herzchen"). Egal ob Zula es als folkloristische Version auf der Bühne des Tanz- und Musikensembles singt oder als tieftraurige Jazzballade ins Mikrofon eines Tonstudios haucht, jedes Mal stellen sich einem die Nackenhaare auf. "Cold War" ist ein Film voll melancholischer Gänsehautmomente, eine bittersüße Hommage ans europäische Kino der 1950er und 1960er und einer der schönsten, wenn nicht der beste Liebesfilm des Jahres.

Fazit: Nach "Ida" liefert Paweł Pawlikowski das nächste kleine Meisterwerk ab. "Cold War" ist eine bestechend schön gefilmte, berauschend gespielte und virtuos inszenierte Hommage ans europäische Kino der 1950er und 1960er und einer der tollsten, wenn nicht der beste Liebesfilm des Jahres.




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