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Kritik: Der Trafikant (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Robert Seethalers Roman "Der Trafikant" entwickelte sich als leichtfüßige Hommage an das Wien vor der Einverleibung Österreichs durch Hitler-Deutschland zum Bestseller. Der Lehrling Franz Huchel aus der Provinz, eine fiktionale Figur, ist einer der letzten Zeugen der liberalen Ära Wiens. Die weltoffene Stadt, zu deren angesehensten Bürgern der Psychoanalytiker Sigmund Freud gehört, erscheint dem 17-Jährigen voller Verheißungen. Während sich die dunklen Vorzeichen der Zeitenwende mehren, verliebt sich Franz unglücklich und sucht den Rat Freuds. Der österreichische Regisseur Nikolaus Leytner bleibt mit seiner Verfilmung nahe an der Buchvorlage, aber es fehlt ihr das gewisse Etwas, ein eigener Glanz.

So bestätigt sich hier das Klischee, dass die Phantasie, die ein Roman bei seiner Leserschaft weckt, auf der Kinoleinwand einfach keine passende Abbildung finden will. Franz Huchel ist ein rührend naiver, aber begeisterungsfähiger und intelligenter Junge in der Vorstellung der Leser, aber im Kino entpuppt er sich als Figur, die relativ unbeteiligt ihre Sätze aufsagt. Simon Morzé spielt Franz viel zu sachlich und eine Spur desinteressiert. Das Versagen der Regie bei der Schauspielführung raubt dem Film viel vom Charme, den das Buch besitzt. Johannes Krisch verleiht Otto Trsnjek immerhin Charakter, nämlich eine wütende Energie und Eloquenz, während Bruno Ganz den großen Freud ein wenig zu altersmilde als gutmütigen Opa verkörpert.

Es gibt auch noch andere Eigenschaften, die dem Film die Aura einer braven, ein wenig pflichtschuldig absolvierten Fernsehunterhaltung verleihen. Beispielsweise wird der Wiener Prater des Buchs durch einen armseligen Hinterhof-Rummel ersetzt. Mehr Mühe gibt sich der Film mit der Bebilderung der Träume, die Franz aufschreibt, aber auch hier bekommt man oft Motive serviert, die wenig überraschend oder aussagekräftig wirken. Und wenn Franz wiederholt ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag legt, stellt sich das alsbald als Masche heraus, den Zuschauer mit täuschend echten Tagträumen kurz zu foppen, bevor dann die echte Handlung gezeigt wird. Gut, der Roman ist auch nicht frei von Seichtigkeit, aber sein unschuldig verspielter Schwung findet in dieser Verfilmung keine Entsprechung, die von Herzen kommt.

Fazit: Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Robert Seethaler über einen Provinzlehrling im Wien der Jahre 1937 und 1938 bleibt nahe an der Buchvorlage, vermag ihren originellen Charme aber nur eingeschränkt wiederzugeben. Unter der Regie von Nikolaus Leytner wirkt die Geschichte zuweilen eher wie eine brav absolvierte Pflichtübung, in der vor allem die schauspielerische Interpretation des jungen Hauptcharakters enttäuscht. Selbst Bruno Ganz lässt als Sigmund Freud ein wenig zu wünschen übrig, weil er diesen geistreichen Vertreter der untergehenden liberalen Hochkultur recht großväterlich spielt.




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