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Der Spitzenkandidat
Der Spitzenkandidat
© Sony Pictures

Kritik: Der Spitzenkandidat (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Während Bill Clinton Ende der neunziger Jahre die sogenannte Lewinsky-Affäre und das damit verbundene Amtsenthebungsverfahren schadlos überstand, war sein demokratischer Parteikollege Gary Hart rund eine Dekade früher über eine angebliche außereheliche Liaison gestolpert und hatte seine Hoffnungen, als Präsidentschaftsanwärter nominiert zu werden, begraben müssen. Seinen Rückzug aus der Politik nimmt Regisseur und Drehbuchautor Jason Reitman ("Tully") in seiner Aufarbeitung der Ereignisse schon in den ersten Minuten vorweg, was "Der Spitzenkandidat" jedoch nicht zu einer langweiligen Skandalchronik macht.

Der spannende, für ein biografisches Drama eher ungewöhnliche Ansatz des Films vermittelt sich bereits in der eröffnenden Plansequenz, die dem Publikum den Abend im Jahr 1984 vor Augen führt, an dem Hart (angemessen charismatisch: Hugh Jackman) im Rennen um die Kandidatur der Demokraten für das Präsidentenamt eine Schlappe hinnehmen muss. Langsam taucht die Kamera in das Geschehen ein, greift einzelne Personengruppen heraus, verfolgt die sich teilweise überlappenden Gespräche, um kurz darauf zu anderen Beteiligten weiterzuziehen. Der Auftakt, der in seiner Vielstimmigkeit ein wenig an die Werke des 2006 verstorbenen Robert Altman erinnert, unterstreicht durch die markante Inszenierung, dass sich die nachfolgenden Geschehnisse nicht nur auf den titelgebenden Hoffnungsträger konzentrieren werden.

Nach dem Einstieg springt "Der Spitzenkandidat" einige Jahre weiter und rückt das Rennen um die Nominierung für die Präsidentschaftswahl von 1988 in den Blick. Der beliebte Hart gilt als aussichtsreicher Anwärter, sieht sich seitens der Presse plötzlich aber mit pikanten Anschuldigungen konfrontiert. Als erste Berichte über die mutmaßliche Affäre mit der jungen Donna Rice (Sarah Paxton) erscheinen, weist der rechtschaffen auftretende Politiker alle Behauptungen von sich und will rasch wieder zur Tagesordnung übergehen. Der Skandal zieht allerdings in Windeseile größere Kreise und bringt Hart immer mehr in Bedrängnis.

Den einsetzenden Politkrimi beleuchten Reitman und seine Koautoren Jay Carson und Matt Bai, dessen Sachbuch als Vorlage für die filmische Rekonstruktion diente, aus unterschiedlichen Perspektiven und versuchen, dem Zuschauer ein umfassenderes Gefühl für die Befindlichkeiten der damaligen Zeit zu geben. Neben Harts eigenwilligem und sturem Umgang mit der Affäre geraten auch die nervenaufreibende Arbeit seines Wahlkampfteams, angeführt von Haudegen Bill Dixon (herrlich knorrig: J. K. Simmons), das Wirken der umtriebigen Journalisten, die Belastungen für seine Familie, besonders seine Ehefrau Lee (Vera Farmiga), und das Schicksal der angeblichen Geliebten in den Blick, die sich auf einmal im Kreuzfeuer des öffentlichen Interesses wiederfindet.

Angesichts der vielen auftauchenden Figuren und Standpunkte wirkt "Der Spitzenkandidat" manchmal etwas überladen. Einige Protagonisten – vor allem die tapfere Lee – hätten noch mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Und überdies findet der Film zu einem abrupt wirkenden Ende. Trotz dieser Defizite wird dem Zuschauer ein phasenweise packendes Politdrama serviert, das anschaulich bebildert, wie mitten im Wahlkampf um bestmögliche Inszenierungen gerungen wird, wie Harts Team die Presse für eigene Zwecke einspannt und wie die politische Berichterstattung plötzlich mit dem Klatschfach verschwimmt. Im Strang um die überrumpelte Donna Rice legen die Macher zudem sexistische Denkmuster offen und schlagen damit einen Bogen zur aktuellen #MeToo-Debatte. Die Frage, ob ein fähiger Politiker aufgrund eines angeblichen, im Film nie explizit gezeigten Ehebruchs für das höchste Amt im Staat tatsächlich untragbar sei, reicht Reitman an den Zuschauer weiter und gibt ihm so einiges zum Nachdenken und Diskutieren mit auf den Weg.

Fazit: Aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählende Chronik eines politischen Absturzes, die ihren Ambitionen nicht immer gerecht wird, in weiten Teilen aber informativ und sehenswert ist.




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