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Being Mario Götze
Being Mario Götze
© mindjazz pictures

Kritik: Being Mario Götze (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Jürgen Klopp gerät kurz ins Stocken, bringt die deutschen Siegtorschützen bei Fußballweltmeisterschaften dann aber zusammen und Aljoscha Pauses Film auf den Punkt: "Rahn, Müller, Brehme, Götze", erinnert der ehemalige Trainer von Mainz 05 und Borussia Dortmund, der mittlerweile die Spieler vom FC Liverpool anleitet. Wie wechselvoll die Karriere eines Kickers auch verlaufen mag, wie viele Erfolge (und Misserfolge) er auch feiern (oder erleiden) mag, im kulturellen Gedächtnis bleibt er stets mit diesem einen Treffer verhaftet. Für die einen ist das Segen, für andere Fluch.

Ein Tor im Finale eines globalen Turniers, wie es Mario Götze 2014 in Brasilien gelang, bringt vor allem Popularität. Selbst wer seinen Namen vorher noch nie gehört hatte, kennt ihn seit Spielschluss. Folgerichtig eröffnet Pause seine Sportdoku mit einer Montage, die angespannte Endspielzuschauer rund um den Erdball versammelt und so ein wenig WM-Stimmung zurück in den Kinosaal bringt. Danach zeichnet er zwei Entwicklungen in parallelen Erzählsträngen nach. Während der eine den kometenhaften Aufstieg und das anschließende Straucheln Götzes beleuchtet, wirft der andere ein Schlaglicht auf die Saison 2017/2018, in der Götze versuchte, das Ticket für die WM in Russland zu lösen.

Bei Instagram hat Götze längst mehr Follower als die Nationalmannschaft und sein derzeitiger Arbeitgeber Borussia Dortmund zusammen. Im heutigen Fußballgeschäft lässt sich eine solche Bekanntheit selbstredend in Bares ummünzen. Spieler wie Götze sind nicht nur Sportler, sondern auch immer Werbeträger und Lifestyle-Ikone. All das, den Umgang mit dem frühen Erfolg, mit der eigenen Popularität, mit Vereinswechseln und ersten Rückschlägen, mit seiner Stoffwechselerkrankung und mit der Medien- und Werbebranche, die ihn möglicherweise zu kritisch sieht, thematisiert "Being Mario Götze". Und doch hat man nie das Gefühl, wirklich zu erfahren, wie es ist, Mario Götze zu sein.

Das liegt am Protagonisten selbst. Dessen Persönlichkeit kann sich der Regisseur freilich weder aussuchen noch sie verbiegen, er kann sie lediglich so wahrheitsgetreu wie möglich abbilden. Hier zeigt sich, dass das Bild, das Götze in der Öffentlichkeit von sich pflegt, entweder tatsächlich seinem von allen Interviewpartnern als zurückhaltend beschriebenem Wesen entspricht oder aber – und dieser Eindruck verstärkt sich im Verlauf des Films – von Götze auch vor Pauses Kamera bewusst gesteuert wird. Es ist das Bild eines akribischen Arbeiters, eines stets tadellosen Musterschülers. Zwar entlockt ihm der Regisseur Aussagen, die etwas kritischer und tiefgründiger als jene sind, die der Kicker allwöchentlich vor den Fernsehkameras abgibt. Doch die Unterschiede sind marginal. Selbstkritische Töne sucht man auch in Pauses Film vergebens. Am Ende verfestigt sich der Eindruck, dass Mario Götze auch hier nur "einen rhetorischen Wall bestehend aus unverfänglichen Formulierungen um sich herum aufbaut", wie es ein Journalist formuliert.

Aljoscha Pause ist schon lange im Geschäft, schreckt nicht vor kritischen Themen zurück. Zwischen 2008 und 2011 drehte er etwa eine Trilogie über Homosexualität und Homophobie im Fußball, für deren zweiten Teil er den Adolf-Grimme-Preis erhielt. Seine Filme "Tom Meets Zizou" (2001) über Thomas Broich, ein anderes vermeintliches Jahrhunderttalent des deutschen Fußballs, und "Trainer!" (2013) zählen zum Besten, was der deutsche Sportdokumentarfilm zu bieten hat. "Being Mario Götze" zählt nicht dazu. Der Film ist zu glatt, stets ein wenig zu aseptisch wie Mario Götzes Dortmunder Domizil, das seltsam unbewohnt ausschaut, so als habe es der Star eigens für den Filmdreh angemietet. Diese Sterilität liegt aber nicht nur am Protagonisten, sondern auch an den anderen Gesprächspartnern. Wie bei Götze bohrt Pause bei ihnen nicht nach, kitzelt nur Erwartbares heraus. Zu viele der Interviewten, etwa Bundestrainer Joachim Löw oder Matthias Sammer, erweisen sich als "Phrasendreschmaschinen".

Vielleicht hat sich Aljoscha Pause ja deshalb dazu entschieden, seinen Dokumentarfilm mit einem breiten Klangteppich zuzudecken, der selbst während der Interviews meist im Hintergrund zu hören ist. Die 131 Minuten, im Übrigen ein paar weniger als noch bei "Tom Meets Zizou" und "Trainer!" werden einem trotz der enervierenden Musik unendlich lang. In den kleinen Häppchen seiner ursprünglichen Version, also als vierteilige Fernsehdoku, ist Götzes Fußballerleben leichter zu verdauen.

Fazit: Wer sich für Mario Götzes Karriereanfänge interessiert, wird in Aljoscha Pauses jüngstem Dokumentarfilm mit zahlreichen neuen An- und Einsichten reich beschenkt. Wer etwas darüber erfahren will, wie es sich anfühlt, Siegtorschütze bei einer Fußballweltmeisterschaft zu sein, wird hingegen enttäuscht. "Being Mario Götze" ist zu glatt inszeniert, der Protagonist zu verschlossen und kalkulierend, um über die mehr als zwei Stunden Laufzeit zu begeistern.




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