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Zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen
© Alamode Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Zwischen den Zeilen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Seine Vorliebe für unkonventionelle Geschichten stellte der Franzose Olivier Assayas als Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion zuletzt mit seinem eigenwilligen Mystery-Film "Personal Shopper" unter Beweis, in dem Kristen Stewart eine junge Frau verkörpert, die mit ihrem toten Zwillingsbruder in Kontakt zu treten versucht. Abseits ausgetrampelter Pfade bewegt sich auch sein neues Werk "Zwischen den Zeilen", das 2018 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Uraufführung feierte. Im Zentrum der romantisch angehauchten Tragikomödie stehen zwei Paare aus dem Pariser Intellektuellenmilieu, die sich mit verschiedenen beruflichen und privaten Herausforderungen konfrontiert sehen.

Verleger Alain (Guillaume Canet) stellt sich zunehmend die Frage, wie er sein Literaturhaus in einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft ausrichten will, und eröffnet seinem Stammschriftsteller Léonard (Vincent Macaigne), dass er dessen neues Manuskript wahrscheinlich nicht publizieren werde. Wie so oft arbeitet sich der antikapitalistische Schreiberling darin, notdürftig verschleiert, an verflossenen Liebschaften ab. Während seine Partnerin Valérie (Nora Hamzawi) derzeit fast nur noch für ihren Job zu leben scheint, schmeißt sich der nach Anerkennung lechzende Léonard in eine Affäre mit Alains Ehefrau Selena (Juliette Binoche), einer Schauspielerin, die aktuell in einer beliebten Krimiserie für Furore sorgt. Ihr Gatte wiederum bandelt heimlich mit der Digitalexpertin Laure (Christa Théret) an, die den Verlag auf die Zukunft vorbereiten soll.

Aus dieser Gemengelage hätte sich zweifellos ein handelsüblicher Liebesreigen stricken lassen. Assayas hat jedoch anderes im Sinn. Von Anfang an schleudert er dem Zuschauer temporeiche Dialoge um die Ohren, die sich nicht nur um zwischenmenschliche Befindlichkeiten, sondern auch um gravierende gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen drehen. Der enorme Einfluss der Digitalisierung auf das Miteinander und das geschriebene Wort spielt dabei ebenso eine Rolle wie das Verhältnis der Geschlechter sowie die manchmal komplizierte Beziehung von Realität und Fiktion. Was trocken und theoretisch klingen mag, entwickelt in den Händen des französischen Regisseurs eine erstaunliche Leichtigkeit und vermittelt eine ganze Reihe spannender und kluger Einsichten. Immer wieder lädt die beschwingt inszenierte, von dramaturgischen Fesseln befreite und mit feinen Humoreinlagen angereicherte Komödie ihr Publikum ein, das Gesagte und Gezeigte mit eigenen Erfahrungen und Haltungen abzugleichen. Hier und da mag "Zwischen den Zeilen" etwas zu geschwätzig und ein wenig überfrachtet sein. Insgesamt gelingt Assayas aber ein unterhaltsamer Film, dessen Protagonisten nicht auf alles eine klare Antwort haben, sondern sich – wie im echten Leben – ständig in Widersprüche und Zweifel verstricken.

Fazit: Dass permanentes Debattieren enorm anregend sein kann, demonstriert Olivier Assayas mit seiner in der Literaturbranche angesiedelten Tragikomödie auf eindrucksvolle Weise.




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