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Kritik: Made in China (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Culture-Clash-Komödien boomen, nicht nur, aber besonders in Frankreich. Meist wirbeln darin Minderheiten das konservative Weltbild der Mehrheitsgesellschaft durcheinander, bedienen dabei aber häufig eben jene Klischees, die sie widerlegen wollen. Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor Frédéric Chau geht einen anderen Weg. Der Konflikt, der in "Made in China" erwächst, ist einer mit der eigenen Kultur. Ein Kampf zwischen Alt und Jung, zwischen Tradition und Moderne. Das erinnert an "Crazy Rich Asians" (2018), eine der seltenen US-Studioproduktion mit durchweg asiatischem Ensemble. Hier enden die Gemeinsamkeiten aber bereits. "Made in China" schlägt einen viel ruhigeren Ton als sein amerikanischer Verwandter an und erzählt nicht von unverschämt Reichen und ihren Marotten, sondern von bodenständigen Aufsteigern.

"Made in China" beruht auf einer Idee von Frédéric Chau. Der Hauptdarsteller – wie Medi Sadoun, der seinen witzigen Sidekick Bruno spielt, in Deutschland bestens als Schwiegersohn des erzkonservativen Familienpatrons aus "Monsieur Claude und seine Töchter" (2014) bekannt – war es leid, immer dieselben klischierten Rollen angeboten zu bekommen. Also hat er gemeinsam mit Regisseur Julien Abraham und Kamel Guemra ein Drehbuch verfasst, dem seine eigene Familiengeschichte zugrunde liegt. Wie die Eltern seiner Figur François flohen auch Chaus Vater und Mutter nach Frankreich. Und auch er hatte Auseinandersetzungen mit seinem Vater, weil er lieber einen künstlerischen Beruf ergriff, als Ingenieur oder Arzt zu werden.

Wer laute Charaktere, Kalauer und Zoten liebt, sitzt im falschen Film. Regisseur Abraham hat "Made in China" als "vorsichtige Komödie" und als "Komödie mit einem starken sozialen Anspruch" bezeichnet. Das trifft es ganz gut. Die Witze sind dezent, aber treffsicher, die Charaktere nachdenklich, aber charmant, vor allem aber sind sie erfrischend geerdet. Klischees werden größtenteils gekonnt umschifft. Und selbst der so häufig als Knallcharge besetzte Medi Sadoun darf hier abseits aller positiver Verrücktheit beachtlich viel Tiefe zeigen.

Überhaupt sind die Figurenzeichnung und Abrahams Schauspielerführung wunderbar. Sie schaffen eine selten erreichte Vertrautheit der Charaktere, beinahe so, als sehe das Publikum einer echten Familie auf der Leinwand zu. Gepaart mit einem Drehbuch, das auf Lebensnähe setzt, und Abrahams zurückhaltender Inszenierung glückt eine Mischung aus Drama und Komödie, die familiäre Wunden und Alltagsrassismus offenlegt – ganz leise, weder mit dem moralischen Zeigefinger noch resigniert oder gar verbittert. Eine überaus gelungene, versöhnliche filmische Familienzusammenführung.

Fazit: Die Ausgangslage erinnert an "Crazy Rich Asians", doch wer eine laute, kunterbunte Komödie erwartet, sitzt im falschen Film. "Made in China" ist eine ruhig inszenierte, dosiert pointierte, erfrischend klischeefreie, wunderbar gespielte, ebenso nachdenkliche wie versöhnliche Tragikomödie über familiäre Wunden und Wurzeln.




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