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Systemsprenger
Systemsprenger
© Port au Prince Pictures GmbH

Kritik: Systemsprenger (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt ist ein wuchtiges, aufwühlendes Drama über ein Mädchen, mit dem die Jugendhilfe nicht zurechtkommt. Als Systemsprenger werden dort inoffiziell Kinder und Jugendliche bezeichnet, die sich nirgends integrieren lassen. Benni steigert sich, wenn sie wütend wird, sekundenschnell in einen zerstörerischen Rausch. Das Drama vertieft sich intensiv in die subjektive Wahrnehmung des Mädchens, das sich nach der Rückkehr zur Mutter sehnt und nach einem liebevollen Zuhause. Es nimmt die Zuschauer mit auf eine Achterbahnfahrt widerstreitender Gefühle und zeigt zugleich die Ratlosigkeit der Mitarbeiter der Jugendhilfe auf, ohne sie anzuklagen.

Bennis Odyssee folgt einem unaufhaltsamen, tragischen Muster. Von einer Wohngruppe zur nächsten weitergereicht und von dort zur Obhutnahmestelle, wo sie nur vorübergehend bleiben soll, hat das Mädchen jeglichen inneren Halt verloren. Sie nennt die Betreuer längst nicht mehr beim Namen, sondern "Erzieher", die sie im Befehlston herumkommandiert oder wüst beschimpft. Dabei ist sie Frau Bafané vom Jugendamt längst ans Herz gewachsen, und auch Micha, der sich drei Wochen allein um sie kümmert im Rahmen einer Erlebnispädagogik-Maßnahme, entwickelt eine persönliche Beziehung zu ihr. Genau die gilt aber als unprofessionell: Benni trotzt ihm die Erlaubnis ab, eine Nacht bei seiner Familie zu verbringen und steigert sich in die wilde Hoffnung, zu dieser zu gehören. Dennoch hat ihr die Einzelbetreuung gutgetan, sie macht Fortschritte. Als ihre ehemalige Pflegemutter (Victoria Trauttmansdorff) Benni wieder zu sich nehmen will, schrillen bei den Zuschauern jedoch schon die inneren Alarmglocken. Man hat gesehen, zu welcher explosiver Gewalt dieses Mädchen fähig ist.

Immer wieder heftet sich die Kamera an das rennende, ausbrechende Mädchen. Bildmontagen mit impressionistischen Schnipseln vermitteln einen Eindruck seiner Wahrnehmung und Gedankenwelt. Bei aller Intensität fehlt dem Film jedoch ein schlüssiges Anliegen. Die beeindruckend gespielte Benni lässt auch die Zuschauer ratlos zurück, die Figur soll offenbar in erster Linie provozieren. Dass es in der Jugendhilfe bürokratisch zugeht und nicht alle Schützlinge die beste Betreuung erhalten, kann man glauben. Aber ein ernst gemeintes Drama sollte ein Problem konkret benennen und nicht vor allem schockieren wollen.

Fazit: Mit ihrem wuchtigen Spielfilmdebüt beschert die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt dem Publikum eine Achterbahnfahrt widerstreitender Gefühle. Die neunjährige Benni, beeindruckend gespielt von Helena Zengel, wird als hoch aggressiv von einer Einrichtung der Jugendhilfe zur nächsten weitergereicht. Das Mädchen, das sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt, findet keine dauerhafte Bleibe mehr und bringt engagierte Betreuer an den Rand der Verzweiflung. Warum das System im Falle dieses Mädchens versagt, bleibt jedoch in diesem energiegeladenen, provokant zuspitzendem Drama unklar.




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