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Fabian oder der Gang vor die Hunde
Fabian oder der Gang vor die Hunde
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Kritik: Fabian oder der Gang vor die Hunde (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Seinen wohl besten Roman veröffentlichte Erich Kästner 1931 unter dem Titel "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten". Doch das Werk über den Germanisten Dr. phil. Jakob Fabian, der sich in sehr kurzen und lose miteinander verknüpften Kapiteln auf eine Odyssee durch Berlin begibt, wurde seinerzeit nur in veränderter und gekürzter Fassung veröffentlicht. Einige Stellen waren dem Verlag zu heikel. Die ursprünglich von Kästner beabsichtigte Version erschien erst 2013 unter einem der vielen angedachten Titel: "Der Gang vor die Hunde".

Dominik Grafs Verfilmung dieses Stoffs ist nicht die erste. Bereits 1980 brachte Wolf Gremm seine Interpretation der Vorlage in die Kinos. Dass es keine früheren Versuche gegeben hat, lag an Kästners Weigerung, die Filmrechte zu seinen Lebzeiten (1899-1974) freizugeben. Gremms Verfilmung erhielt zwar das Filmband in Gold, fiel gegenüber der Vorlage aber deutlich ab. Weitere 41 Jahre später wagt Dominik Graf nun den nächsten Versuch. Sein Drama feierte im Juni 2021 im Rahmen der 71. Berlinale seine Weltpremiere und wurde von der internationalen Kritik größtenteils positiv aufgenommen. Mehrfach war von einem "Meisterwerk" die Rede.

Die Zeit scheint reif dafür. Immerhin sind die Zwischenkriegsjahre mit ihrem Übergang von der Weimarer Republik in den Nationalsozialismus in der Populärkultur gerade wieder schwer in Mode. Volker Kutschers Romane um den Kommissar Gereon Rath ("Der nasse Fisch" etc.) und dessen aufwendige Fernsehadaption "Babylon Berlin" lassen ebenso grüßen wie Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" (1929), der durch Burhan Qurbani im vergangenen Jahr eine Übertragung in unsere Gegenwart erfuhr. Überhaupt wird ständig ein Vergleich zu unserer Gegenwart gezogen, egal wie sehr dieser hinkt. Auch Graf steigt im Hier und Jetzt ein. Die Kamera bahnt sich ihren Weg durch den U-Bahnhof Heidelberger Platz und arbeitet sich ans Tageslicht empor. Nach und nach verändert sich die Kleidung der Passanten. Oben angekommen befinden wir uns im Jahr 1931.

Diese Idee, knapp 100 Jahre mit einer ungeschnittenen Kamerafahrt zu überbrücken, ist mit die originellste in einem in fast allen Belangen enttäuschenden Film. (Eine andere sind die gezeigten Stolpersteine, über die einige der Figuren achtlos gehen und auf diese Weise einen weiteren Blick in die Zukunft werfen.) Um es kurz zu machen, "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" ist kein Meisterwerk, sondern ein echtes Ärgernis, das an die Größe des Originals allenfalls durch seine ausufernde Länge von 176 Minuten heranreicht.

Trotz des Ausschnitthaften, mit dem Kästner ein Bild der Millionenmetropole Berlin entwirft, ist sein Roman unheimlich geschlossen. Orte und Figuren, die später in der Handlung eine zentrale Rolle spielen, werden früh eingeführt. So lose verknüpft die einzelnen Kapitel auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, greift in der Handlung doch ein Rädchen ins andere. Vor allem aber bleibt die Stimme des Erzählers gleich, so sehr der Protagonist seine Sicht auf die Welt im Handlungsverlauf auch verändert. Graf hingegen stellt dem ein wildes Durcheinander entgegen.

Seine Verfilmung wechselt munter die Materialien, kommt mal grobkörnig und mal ultra-digital daher, ist mal ruhig und mal mit wackeliger Handkamera gefilmt. Zwischendurch streut Graf alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen ein, die Berlin während der Weimarer Republik zeigen. Was wohl atemlos wirken und die Fragmentierung dieser Epoche formal widerspiegeln soll, ist vollkommen aufgesetzt. In seinen schlechtesten Momenten, wenn die Leinwand zu einem Splitscreen wird, dessen Gestaltung an die Verwendung vorsintflutlicher Schnittprogramme für den Heimcomputer erinnert, ist die Form dieses Films nicht einmal mehr unfreiwillig komisch, sondern nur noch lächerlich. Am schwersten wiegt aber, dass dieser Kinofilm visuell nicht annähernd das Niveau einer Fernsehserie wie "Babylon Berlin" erreicht.

Erzählerisch ist's nicht viel besser. Auf Kästners beste Sätze wollten Dominik Graf und sein Co-Autor Constantin Lieb wohl nicht verzichten. Doch anstatt Kästners Prosa in gelungene Dialoge zu übersetzen, raunen gleich zwei Erzähler:innen bedeutungsschwanger aus dem Off. Wo Kästner subtil erzählt (etwa vom heraufziehenden Faschismus oder davon, wie Fabians Freund Labude an die Waffe gelangt, mit der er später seinem Leben ein Ende setzt), agieren Graf und Lieb plakativ und wo der Schriftsteller feinste Ironie einsetzt, setzen die Filmemacher auf Sentiment. Denn zu allem Überfluss der Stilmittel dichten sie ihrem Protagonisten auch noch eine Liebesgeschichte an, die in dieser Form und vor allem in diesem Ausmaß überhaupt nicht in der Vorlage steht.

Dieses unnötige Aufblähen der Romanze mit Cornelia Battenberg gibt dem Film eine völlig andere Richtung, die Fabian am Ende mehr wie Goethes "Werther" denn wie die Figur aus der Vorlage erscheinen lässt. Vor allem aber raubt das Aufblähen dem Film die Zeit, die nötig gewesen wäre, einige der besten Momente des Romans adäquat oder überhaupt unterzubringen. Kästner ging es um Alltagsbegegnungen – etwa die mit einem vermeintlichen Erfinder oder Fabians flüchtige Affäre mit einer gelangweilten Ehefrau –, mal ironisch, mal zärtlich, mal bitter beschrieben, dabei aber immer zutiefst humanistisch. Grafs und Liebs Drehbuch geht es mehr um die Dreiecksbeziehung zwischen Fabian, Labude und Cornelia Battenberg. Der Fokus verschiebt sich, der Blick des Flaneurs wird verengt.

Dass der Film nicht völlig auseinanderbricht, liegt am Ensemble. Allerdings nicht an Tom Schilling, der hier nicht mehr als eine blasse Kopie seiner Figur aus einer anderen Berlin-Odyssee, Jan-Ole Gersters "Oh Boy" (2012), abliefert. Es sind Albrecht Schuch als Stephan Labude und Saskia Rosendahl als Cornelia Battenberg, die den Film zusammenhalten. An seinem Misslingen können aber auch sie nichts ändern. Rosendahls Figur sagt an einer Stelle, was sie von dem Roman erwarte, an dem Fabian arbeitet: "Dass die Kraft der Sprache so stark ist, dass kein Wort austauschbar und kein Satz zu viel und kein Bild zu konstruiert vorkommt." Auf Kästners Vorlage trifft all dies zu, Grafs Adaption scheitert krachend daran.

Fazit: Dominik Graf hat Erich Kästners gleichnamigen Roman verfilmt und scheitert krachend. Das liegt zum einen daran, dass er formal auf einen wilden Stilmix setzt, der seine Prätention jederzeit erkennen lässt, und zum anderen an der Verschiebung des erzählerischen Fokus auf eine Liebesgeschichte, die in der Vorlage lediglich eine von vielen kurzen Episoden darstellt. Von Kästners feiner Ironie, von seiner Zärtlichkeit, Bitterkeit und seinem Humanismus findet sich in Grafs Film zu wenig. Seine Adaption ist zu plakativ, zu forciert und konstruiert. Letzten Endes bleibt sie zu künstlich, um wirklich zu bewegen.




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