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Kritik: Über die Unendlichkeit (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der schwedische Regisseur Roy Andersson ("Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach") hat erneut einen Spielfilm gedreht, der aus lauter einzelnen, mehr oder weniger skurrilen Situationen besteht. Das verbindende Thema ist dem Filmemacher zufolge die Verletzlichkeit des Menschen. Sie kann in ganz banalen Momenten aufscheinen, zum Beispiel in jener Szene, in der eine Frau in einer Bahnhofshalle einen Schuhabsatz verliert und nicht weiß, wie sie nun weitergehen soll.

Sie kann sich aber auch in den ungeschützten Augenblicken zeigen, in denen sich drei junge Frauen freuen und tanzen, eine Barbesucherin Champagner genießt oder ein junger Mann einer plötzlichen Hoffnung nachgibt. Und sie scheint natürlich in der Trauer eines alten Ehepaares am Grab ihres Sohnes auf oder im Marsch besiegter Soldaten in ein Gefangenenlager.

In mehreren der kurzen Episoden spielt der Krieg eine Rolle. Da fliegt ein Liebespaar am Himmel über dem zerbombten Köln des Zweiten Weltkriegs. Diese Szene ist einfach nur zutiefst berührend. Die Anekdote, in der Hitler im Bunker von seinem Gefolge mit "Sieg Heil" begrüßt wird, während das Gewölbe schon unter alliierter Bombardierung ächzt, strotzt hingegen vor satirischem Humor. Der an Gott zweifelnde Pfarrer muss in einem Albtraum, getrieben von Peinigern, wie einst Christus ein Kreuz durch die Straßen tragen. Wenn er dann hilfesuchend von seinem Arzt und der Sprechstundenhilfe mit sanfter Gewalt aus der Praxis geschoben wird, weil dort der Feierabend anbricht, mutet das ebenfalls ziemlich herzlos, wenngleich auch nur allzu menschlich an.

Die Inszenierung wirkt stets kulissenhaft mit ihren farbreduzierten, von Grau und Beige beherrschten Bildern. Die Charaktere scheinen sich verlangsamt zu bewegen, sind wie erstarrt in stillem Aussitzen und Abwarten. Dann geschieht oft etwas Merkwürdiges, das schmunzeln lässt oder nachdenklich stimmt. Auch in der alltäglichen Banalität des Lebens, oder in der Neigung, sich kindlichen Gefühlen hinzugeben, scheint eine tiefere Wahrheit über die Menschen auf. Sie sind gefährdet durch geistige Irrtümer und ihre Einsamkeit. Man muss allerdings selbst eine lakonische Ader haben oder skandinavisch trockene Komik mögen, um diesen Film durchgehend interessant zu finden.

Fazit: Der Mensch ist schon ein merkwürdiges Geschöpf, ständig neigt er dazu, gedanklich oder real in Ausnahmezustände zu geraten. In anekdotenhaften kurzen Episoden, in denen es teils um unscheinbare, teils um hoch bewegende Begebenheiten geht, setzt sich der schwedische Filmemacher Roy Andersson mit der Verletzlichkeit des Menschen auseinander. Das Drama der menschlichen Existenz spielt sich demnach nicht nur in philosophisch ergiebigen Situationen ab, sondern auch in der Banalität, die zu ihrem Alltag gehört. Die satirisch-bissigen, lakonischen oder auch tief berührenden Betrachtungen stellt Andersson mit einem lachenden und einem weinenden Auge an.




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